AZ-Filmkritik "Die kleine Hexe": Ein Hoch aufs Guthexentum

Die kleine Hexe (Karoline Herfurth) muss büffeln, auf Befehl der Alten. Foto: Studiocanal/Putz+Claussen/W. Wehner

Kinderfilm mit Subtext: "Die kleine Hexe" ist auch im Realfilm eine unschlagbare Figur. Die AZ-Filmkritik.

Das ganze Jahr muss man pauken. Wenn’s bei den Erwachsenen endlich mal lustig wird, darf man nicht mitmachen. Und dann wollen sie einem noch erklären, was richtig und falsch ist – als ob die das raus hätten! Kinder haben’s wirklich nicht leicht – und die kleine Hexe ebensowenig.

Das ist das Grandiose an Otfried Preußlers berühmter Geschichte: Die Abenteuer der netten Hexe sind reizend, aber haben auch einen Subtext, den Kinder unbewusst wahrnehmen können. Was die Hexe in ihrer Fantasiewelt erlebt, lässt sich in die Welt der Kinder übersetzen. Und ihre Geschichte regt zum eigenen Denken an, zum Hinterfragen starrer Regeln und Konventionen.

Auch Erwachsene können sich auf den Zauber einlassen

Deshalb ist es prima, dass "Die kleine Hexe" jetzt in einem Realfilm ins Kino kommt. Der Schweizer Regisseur Michael Schaerer hält sich nahe an die Vorlage des Autors, dessen Tochter Susanne Preußler-Bitsch beratend in die Produktion eingebunden war. Karoline Herfurth spielt sie bezaubernd, die Zauberin, die mit ihren 127 Jahren viel zu jung ist, um auf die jährliche Hexengaudi auf dem Blocksberg eingeladenzuwerden. Als sie sich reinschleicht, wird sie prompt von der zickigen Rumpumpel (Suzanne von Borsody) erwischt und rausgeworfen. Immerhin stellt ihr die Oberhexe (Therese Affolter) in Aussicht, beim nächsten Mal mitfeiern zu dürfen, wenn sie bis dahin ihre Hausaufgaben macht, 7.892 Zaubersprüche aus dem magischen Buch lernt und sich als gute Hexe erweist. (Das Interview mit Karoline Herfurth zum Film lesen Sie hier)

Ein Jahr lang macht die kleine Hexe also mit ihrer Zauberkunst die Menschen glücklicher. Um dann festzustellen: In der Welt der erwachsenen Hexen gilt das nichts: Guthexentum ist hier geächtet. Außerdem hat sie auch noch das Feiertagshexverbot gebrochen. Das ist zwar sinnfrei – aber Regel ist Regel! Als die alten Hexen von ihr verlangen, ihre Freunde zu verzaubern, wird der kleinen Hexe klar: Sie muss künftig selbst entscheiden, was richtig und falsch ist.

Viel Liebe zum Detail

Der anti-autoritäre Geist dieser Geschichte mag heute nicht mehr so wichtig sein wie zur Entstehung des Buchs in der Adenauerzeit. Aber schaden kann es den kleinen Zuschauern nicht, die Hexe dabei zu begleiten, wie sie ihren eigenen Weg findet, auf unhinterfragten Konventionen und schließlich auf die ganze (Hexen-)Gesellschaft pfeift. Auch Erwachsene können sich auf den Zauber einlassen. Erschwert wird das nur durch die überambitionierte Kameraarbeit: Das Spiel mit Unschärfen soll Märchenstimmung schaffen. Doch die kunstvollen Bilder fordern zu viel Aufmerksamkeit und verhindern eher, in die Märchenwelt eintauchen zu können.

Dennoch entfaltet sich die Magie der Geschichte auch wegen der gelungenen Ausstattung und Details. Das kleine Hexenhaus ist wundervoll, leicht Messie-artig, aber gemütlich. Der Rabe Abraxas (gesprochen von Axel Prahl) ist ein netter, etwas spießiger WG-Kumpel. Charmant ist diese Figur, weil der Rabe größtenteils nicht animiert ist, sondern eine Roboterpuppe mit lustigen eckigen Bewegungen. Und die Oberhexe ist eine schrille Alte, die gar nicht so übermäßig böse ist. Vielleicht auch, weil sie ständig angenehm angetrunken ist.


Kinos: Cadillac & Veranda, CinemaxX, Kino Solln, Leopold, Mathäser, Museum-Lichtspiele, R: Mike Schaerer (D/CH, 103 M.)

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