AZ-Aktion Münchner helfen München ganz unten

Im Sommer ist Bernhard (53) ein paar Mal an den Wörthsee gelaufen. Im Winter möchte er auf seiner Bank am Isar-Ufer ausharren. Foto: Katharina Alt

Der Verein „Golden Donkey“ bringt warme Kleidung, Lebensmittel und Schlafsäcke zu den Lagerplätzen der Obdachlosen. Jetzt brauchen die Helfer selbst Unterstützung.

München -  Dumans Reich ist ein Lüftungsschacht in einem Hinterhof. Ein abgemeldetes Auto schützt ihn vor neugierigen Blicken, ein Holzdach vor Regen und Schnee. Er liegt auf einer abgewetzten Kindermatratze mit Schäfchen-Motiv, den Mantel fest um den Körper gewickelt. Er zittert.

Duman ist 30 Jahre alt und vor drei Monaten aus Rumänien nach München gekommen. „Für Arbeit“, sagt er. Bevor er ging, ließ er sich den Namen seines Sohnes auf den Unterarm tätowieren: Luca. Seitdem warten der Fünfjährige und seine Mutter darauf, dass der Vater ihnen Geld schickt. Vergebens. Ein paar Nebenjobs – mehr hat Duman nicht ergattert. Wenige Tage vor Weihnachten ist er ganz unten angelangt: auf der Straße.

Tobias Irl (37), seine Frau Jasmin (31) und ihre Mitstreiter vom Verein „Golden Donkey“ kennen etliche solcher Geschichten. Jede Nacht fahren sie Schlafplätze von Münchner Obdachlosen ab, verteilen Lebensmittel, Schlafsäcke, heiße Getränke und warme Kleidung. Bekannt geworden ist ihre durch Spenden finanzierte Initiative unter dem Namen „Münchner Kältebus“, weil der Flughafen dem Verein im kalten Winter 2011/2012 zwei ausrangierte Rollbahn-Busse schenkte, die das Team zu Notquartieren für Obdachlose umrüstete.

Allerdings kostete es die Ehrenamtlichen rund 50 Euro pro Nacht und Bus, um die stillgelegten Gefährte via Notstromaggregat auf halbwegs angenehme zwölf bis 14Grad aufzuheizen.

Im vergangenen Winter kaufte der Verein deshalb einen gebrauchten VW-Bus mit Standheizung. „Das war eigentlich die perfekte Lösung“, sagt Tobias Irl. Es war genug Platz für Lebensmittel und Schlafsäcke. „Außerdem konnten sich die Obdachlosen reinsetzen und aufwärmen.“ 144 Frauen und Männer versorgten die Freiwilligen bis zum Frühjahr. Frauen und Männer, auf die sie Anwohner oder die Polizei aufmerksam gemacht hatten. Dann ging der Bus kaputt: Motor- und Getriebeschaden.

Heuer ist der Kältebus ein geliehener Caddy ohne Platz zum Aufwärmen. Doch für ein größeres Fahrzeug fehlt das Geld. Mit Ihren Spenden, liebe Leser, möchte der AZ-Verein "Münchner helfen" deshalb dazu beitragen, dass es bald wieder einen Kältebus in der Stadt gibt.

Die Stadt München und die Kirchen tun einiges dafür, die Obdachlosen von der Straße zu holen (siehe unten). „Aber es gibt da draußen Menschen, die lieber erfrieren würden, als in eine Unterkunft zu gehen“, sagt Irl. Ihnen will „Golden Donkey“ beim Überleben helfen.

Bernhard zum Beispiel: Der 53-Jährige wohnt auf einer Bank am Isar-Ufer. Er stammt aus Hamburg, war lange in Berlin, hat als Kraftfahrer und Kohlenträger gearbeitet. Nach der Scheidung verlor er seine Wohnung. Bernhard erzählt von einem Brand, von Ärger mit dem Sozialamt. Irgendwie ging’s eben bergab. „München ist ne schöne Stadt“, sagt er dann und nach jedem dritten Satz: „Das werden Sie verstehen.“

Im Sommer ist Bernhard ein paar Mal an den Wörthsee gelaufen. Im Winter möchte er auf seiner Bank ausharren. „In Hamburg war ich in so ’nem Heim. Das war ganz große Scheiße“, sagt er. „Die Leute trinken, liegen lassen kann man nichts und damals gab’s sogar zwei Tote.“ Logisch oder nicht: Die Münchner Unterkünfte will sich Bernhard erst gar nicht ansehen. Auch nicht, wenn es richtig kalt wird. „Das werden Sie verstehen.“

Unter den „Obdach-Verweigerern“ sind viele mit psychischen Krankheiten wie Wahnvorstellungen, Depressionen oder Demenz. Einige hätten Angst vor geschlossenen Räumen, andere davor, in der Psychiatrie zu landen, sagt Tobias Irl. Er erzählt von einer Frau, die er aufs Sozialamt begleiten wollte: „Nach mehreren Stunden Gut-Zureden hatten wir es bis vor die Tür der Sachbearbeiterin geschafft. Aber dann konnte die Frau nicht mehr. Sie ist weinend und zitternd zusammengebrochen.“

Bei einigen, die trotz klirrender Kälte draußen bleiben, vermutet Irl, dass sie nicht aktenkundig werden möchten.

Andere sind schlicht falsch informiert. „Wir Osteuropäer dürfen erst ab minus fünf Grad in die Kälteschutzräume. Für eine Nacht – und auch nur, wenn wir ein Rückfahrtticket in die Heimat akzeptieren“, beschwert sich Doru (41). Weil er auf keinen Fall zurück will, haust der Rumäne in einem zugigen Torbogen. Dabei stehen die Kälteschutzräume ab Null Grad offen. Und die Story vom Fahrschein in die Heimat ist Obdachlosen-Latein. Als Tobias Irl Doru einen abgepackten Salat überreicht, zerfetzt er die Plastikschale wie ein ausgehungertes Tier.

Einmal wäre die Kältebus-Crew fast zu spät gekommen. Es war eiskalt, durch München fegte ein Schneesturm. Anwohner hatten sie telefonisch in einen Park an der Balanstraße gerufen: Da liegt einer. „Als wir ankamen, haben wir niemanden gefunden“, erzählt Tobias Irl. Durch Zufall entdeckte ein Helfer den Schneehaufen – und den Mann, der darunter lag, nur eine dünne Plane um den Körper geschlungen. „Er hatte blaue Lippen und hat nicht mehr reagiert. Der Notarzt konnte aber noch Herztöne feststellen.“ Rettung in letzter Sekunde.

Duman, der junge Familienvater aus Rumänien, begegnet heute Nacht zum ersten Mal einem Kältebus-Helfer. „Was du wollen?“, zischt er misstrauisch und ein wenig ängstlich, als Tobias Irl den Hinterhof betritt. In einfachen Worten erklärt der Betriebswirt: „Ich bringe Essen, Kaffee und einen Schlafsack.“ - „Einfach so?“ Duman kann es nicht glauben. Zweifelnd schaut er den wohnungslosen Engländer an, mit dem er seinen Unterschlupf teilt. Der nickt.

Auf Dumans Gesicht legt sich ein Strahlen, seine Augen füllen sich mit Tränen. „Danke“, sagt er leise. „Viel Dankeschön, Chef.“

Das Kältebus-Team kennt viele, aber nicht alle Schlafplätze der Obdachlosen. Hinweise bitte an 0800-123 2 321 (kostenlos).

 

Wohnungslosigkeit in München - die Fakten

 Im November 2013 waren in München 4277 Menschen wohnungslos.

3316 von ihnen waren in Notquartieren, Pensionen und Clearing-Häusern untergebracht, 287 in Einrichtungen der Wohlfahrtsverbände.

124 sind Asylbewerber, die hier bleiben dürfen, aber noch in Gemeinschaftsunterkünften auf eine Wohnung warten.

Etwa 550 Menschen leben derzeit auf den Straßen der Stadt, deutlich mehr als vor zwei Jahren. Damals schätzten die Experten die Zahl der Obdachlosen auf 350: Die meisten Deutsche, die Anspruch auf die Unterbringung in den oben genannten Quartieren haben.

Seitdem sind etliche Osteuropäer in München gestrandet. Sie fallen durchs soziale Raster, zumal einige in der Heimat noch eine Wohnung haben.

Trotzdem soll in München niemand erfrieren. Sinken die Temperaturen unter null Grad, bei starkem Schneefall oder Winterstürmen, werden die Kälteschutzräume geöffnet: In zwei Häusern der Bayernkaserne, Pensionen und dem Jugendgästehaus „Haus International“ finden dann 520 Menschen Unterschlupf (im Notfall wird zudem der Tiefbunker an der Kreuzung Elisen-/Luisenstraße geöffnet). Koordiniert wird die Belegung dieser Betten vom Beratungszentrum „Schiller 25“ an der Ecke Schiller-/Landwehrstraße.

Im letzten Winter nutzten 1700 Menschen dieses Angebot.

 

 

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