AZ-Aktion Münchner helfen "Es fehlt an allen Ecken und Enden"

„Wir sind ein Team“: Timea Opacak-Pilisi (35), Mutter Vera (61) und Sohn Davor Michael (8) halten zusammen. Foto: Daniel von Loeper

Timea Opacak-Pilisi ist alleinerziehende Mutter von zwei Kindern – die Familie braucht Hilfe.

München - Auf den ersten Blick ist Timea Opacak-Pilisi eine fast jugendliche Erscheinung. Die 35-Jährige ist klein und zierlich. Wie sie aber ganz aufrecht im Wohnzimmer ihrer Drei-Zimmer-Wohnung sitzt, wirkt sie auch streng – und kämpferisch.

Vor dem Fenster rauscht der Verkehr der Landsberger Straße vorbei. Timea Opacak-Pilisi ist eingeborene Westendlerin. Sie lebt hier mit ihren zwei Kindern in einer Sozialwohnung. Ihr Sohn Davor Michael (8) schläft mit ihr im Schlafzimmer, Tochter Xenia (15) hat ein eigenes Zimmer.

Obwohl die 35-jährige einen soliden Beruf gelernt hat, ist sie heute auf Hilfe vom Amt angewiesen. „Kein schönes Gefühl“, sagt sie.

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Nicht ganz 400 Euro bleiben den Dreien zum Leben, wenn alle laufenden Kosten bezahlt sind. „Man muss eben verzichten“, sagt sie. „Aber es fehlt an allen Ecken und Enden.“

Dabei spart die Mutter zuerst bei sich. Ein dringend nötiges neues Bett war so bisher finanziell nicht drin. „Meines hab ich gebraucht geschenkt bekommen. Das ist so alt wie ich“, sagt sie. Eine neue Matratze, das wäre was.

Wichtiger ist, sagt sie, dass die Kinder möglichst alles haben. Den Beitrag für die Karatestunden der Kinder knapst Timea Opacak-Pilisi anderswo ab. Sie besteht darauf, dass die Kinder Sport machen. Aber oft reicht es eben nicht.

Den Eigenanteil von 2.300 Euro für Xenias Zahnspange stottert die Mutter in monatlichen Raten ab – noch drei Jahre lang.

Für die Schule bräuchte das Mädchen, das die 10. Klasse eines Münchner Gymnasiums besucht und Rechtsanwältin oder Pathologin werden will, eigentlich einen Computer.

Auch die 145 Euro für eine Chorfahrt kann die Mutter nicht bezahlen, sie wird das Amt um Hilfe bitten.

Arbeiten kann Timea Opacak-Pilisi schon seit längerem nicht. Bald nach der Geburt des Sohnes 2005 trennte sie sich von ihrem Mann, die Ehe war zur Hölle geworden. Fast zeitgleich musste sie ihren Beruf als Bestatterin aufgeben, denn der Bub leidet, seit er acht Monate alt war, an schwerem Pseudokrupp und häufigen Fieberkrämpfen. Bis heute muss er immer wieder ins Krankenhaus.

Als Bestatterin betreute Opacak-Pilisi Auslandsüberführungen – als Alleinerziehende mit krankem Kind ging das nicht mehr.

Eigentlich ist die 35-Jährige gelernte Zahnmedizinische Assistentin, aber nach der ersten Babypause wechselte die junge Mutter den Job und wurde Bestatterin. Sie liebte den Beruf: „Ich konnte mich gut in die Angehörigen hineinversetzen.“ Erst kurz vor dem Jobwechsel war völlig unerwartet ihr Vater verstorben.

Die Hoffnung, die Krankheit des Buben würde mit den Jahren besser werden, hat sich nicht erfüllt. Vor allem in den feuchten und kalten Wintermonaten hat er oft asthma-ähnliche Beschwerden, muss inhalieren. „Cortison gehört bei uns leider zur Hausapotheke“, sagt die Mutter.

Die Krankheit des Buben ist nicht das einzige Hindernis, auf dem Weg zurück ins Arbeitsleben. 2011, als sie einen Schrank mit dem Klappbett ihrer Tochter ausrangieren will, fällt das Zwei-Meter-Möbelstück auf sie. Ihr linkes Sprunggelenk wird zertrümmert, es gibt Komplikationen, eine Operation bleibt ohne Erfolg.

Bis heute hat die junge Frau permanent Schmerzen, nimmt Medikamente ein. Bei zu viel Belastung schwillt der Fuß an und wird taub. Weitere Operationen sind geplant, doch ob man den Fuß wieder herstellen kann, ist unsicher. Sie humpelt – und wegen der Schonhaltung hat sie Hüft- und Rückenprobleme. Mit dem Bestatter-Beruf, in dem man viel stehen und schwer heben muss, verträgt sich das nicht.

An eine Umschulung für einen neuen Beruf ist wegen der bevorstehenden Operationen im nächsten Jahr noch nicht zu denken. Doch die Arbeit fehlt ihr: Seit einem Jahr hilft Timea Opacak-Pilisi daher ehrenamtlich bei der Lebensmittelausgabe der Münchner Tafel. „Das macht mir wahnsinnigen Spaß“, sagt sie. „Und sonst komme ich gar nicht vor die Tür“.

Im sorgenerfüllten Alltag der jungen Frau ist ihr ihre Mutter Vera (61) eine große Stütze. Sie ist fast jeden Tag bei der Familie. Dabei ist auch sie krank: Seit 2005 hat sie drei Schlaganfälle erlitten, sie ist herzkrank und leidet an Rheuma und Arthrose. Einkäufe kann sie nicht mehr alleine erledigen.

Die Frauen helfen sich gegenseitig. Und so gibt die junge Mutter nicht auf. „Die Familie ist das Wichtigste“, sagt sie. „Wir sind ein Team, wir wurschteln uns durch.“

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