Axel Petermann im Interview Polizei-Profiler: So tickt der Westend-Entführer

Axel Petermann (r.) ist einer der bekanntesten Profiler in Deutschland. Foto: Stefan Kuntner/Polizei München

Seit zwei Wochen fahndet die Polizei nach dem Mann, der in Ottobrunn die Ehefrau (46) eines Sparkassen-Vorstands entführte und offenbar im Westend festhalten wollte. Exklusiv für die AZ analysierte der bekannte Profiler Axel Petermann den Täter

München - Der Kriminalist Axel Petermann hat in Bremen die Dienststelle Operative Fallanalyse (OFA) gegründet. Er war Chef der Mordkommission, hat mehr als 1000 Fälle mit unnatürlicher Todesursache bearbeitet und mehrere Bestseller geschrieben.

Im Herbst vergangenen Jahres ist der Profiler, dessen Markenzeichen seit 30 Jahren ein heller Trenchcoat ist, mit 62 Jahren in den Ruhestand getreten. Für die AZ analysiert er das Verhalten des Mannes, der in München die Frau eines Sparkassen-Vorstandes entführt hat.

Der Fall


Am 10. Juni wurde in Ottobrunn die Ehefrau des Sparkassen-Managers entführt. Der Täter fuhr mit der S-Bahn zum Haus der Familie, klingelte und gab sich als Paketbote aus. Der Ehemann war bereits aus dem Haus, die Putzfrau noch nicht da.

Er bedrohte die Frau und ihren zwölfjährigen Sohn mit einer Softair-Pistole. Der Sohn musste sich selbst mit Kabelbindern an eine Heizung fesseln. Der Täter hinterließ einen handgeschriebenen Brief, in dem er 2,5 Millionen Lösegeld forderte. Er gab genau an, in was für Scheinen er das Geld haben wollte, verrechnete sich aber dabei. Der Gesamtbetrag ergab nicht 2,5 Millionen.

Dann fuhr der Entführer mit der Frau in ihrem Polo in die Stadt. Sie musste während der Fahrt eine verklebte Brille aufsetzen. Fünf Wochen vor der Tat hatte der Entführer über eine Annonce im Internet von einer Wohnung zur Untermiete im Westend erfahren und diese angemietet.

Am Tag der Entführung fuhr er mit der Frau zu einem Lidl-Parkplatz – etwa 300 Meter von dieser Wohnung entfernt. Auf dem Parkplatz konnte sich die Frau losreißen, der Täter flüchtete, wurde von einer Überwachungskamera gefilmt und versteckte sich in der Wohnung. Abends, nachdem er gründlich geputzt hatte, gab er dem Vermieter den Schlüssel zurück, sagte, er bräuchte die Wohnung nicht mehr und verschwand.

Das sagt der Profiler:

AZ: Herr Petermann, wie tickt der Entführer? Was können Sie über diesen Mann sagen?
AXEL PETERMANN: Ich kann den Fall natürlich nur danach beurteilen, was öffentlich bekanntgeworden ist. Dass der Entführer mit der S-Bahn zum Tatort fährt und auch noch über einen videoüberwachten Parkplatz flüchtet, spricht schon mal dafür, dass er nicht aus der Gegend ist. Denn man muss sich fragen, warum er sich zeigt. Wäre er aus München oder der Umgebung, wäre er dieses Risiko nicht eingegangen. Denn dann hätte man ihn auf den Fotos schnell erkannt. Zweite Möglichkeit: Es ist ihm egal, dass man ihn erkennt. Da muss man sich fragen, warum das so ist. Auf jeden Fall scheint er das Festnahmerisiko als gering einzuschätzen – oder es ist ihm egal.

Halten Sie den Entführer für intelligent?
"Er hat herausgefunden, wo die Familie lebt. Er wusste, dass der Ehemann um diese Zeit nicht zuhause ist und nutzte das Zeitfenster, bis die Putzfrau kam. Er hat die Frau mit minimalsten Mitteln entführt. Er hat die Wohnung, die er angemietet hatte, von Spuren gesäubert und offensichtlich ist ihm die Flucht aus München gelungen. Außerdem hat er ein Versteck gewählt, dass sich in unmittelbarer Nähe vom Fundort des Fluchtautos befand und dort in aller Ruhe die Fahndungsmaßnahmen abgewartet. Wer rechnet schon damit, dass der Täter nicht das Weite sucht? Zudem hat er sein Aussehen mit der Mütze verändert. Dumm ist er nicht."

Denken Sie, dass der Mann in der Vergangenheit bereits Straftaten begangen hat?

"Er ist keiner, der ständig durch Gewaltstraftaten wie Körperverletzungen aufgefallen ist. Er hat zwar Gewalt ausgeübt, indem er die Frau und den Sohn bedroht hat, aber er hat niemanden geschlagen oder verletzt. Es gibt genug Entführungen, die sehr gewalttätig ablaufen. Wenn Täter und Opfer sich kennen, gehen sie meist ungleich tragischer aus, nämlich tödlich."


Meinen Sie, dass er schon mal versucht hat, jemanden zu entführen?
"Sein Vorgehen spricht eher nicht dafür. Er ist nervös, verliert das Magazin seiner Waffe. Ihm fehlt die Professionalität, seine Vorgehensweise hat Planungsschwächen. Einerseits ist er strukturiert und planmäßig vorgegangen, dann aber handelte er eher zurückhaltend und unüberlegt, auch unvorsichtig. Wie zum Beispiel wollte er die Frau von dem Lidl-Parkplatz zu der angemieteten Wohnung bringen? Zu Fuß? Da ist er nicht konsequent vorgegangen. Er hat die Flucht auch nicht unterbunden, sondern hat zugesehen, dass er wegkommt. Wenn ich jemanden entführen wollte, hätte ich doch zum Beispiel einen Transporter benutzt. Und wie sollte die Geldübergabe vonstattengehen? Sollte der Ehemann ihn kontaktieren? Das wäre ja eine Art Schnitzeljagd geworden. Konsequenterweise hätte er die Bedingungen setzen müssen: Zeitpunkt der Geldübergabe, Konsequenzen bei Nichtzahlung und die Kommunikation müsste von ihm ausgehen. Da er all dies nicht getan hat, spricht es nicht für seine Erfahrung. Ich bin mir sicher, dass er zum ersten Mal versucht hat, jemanden zu entführen."

Hat der Entführer Komplizen?
"Vieles spricht dafür, dass er ein Einzeltäter ist: Es ist keine wahnsinnig hohe Summe, die er gefordert hat. Es ist ein überschaubarer Betrag, den man durchaus zusammenkriegen könnte. Er hat sich in seinem Schreiben bei der Stückelung verrechnet, das wäre einem Komplizen sicherlich aufgefallen. Spätestens beim Aufteilen des Lösegeldes hätte es ja Probleme gegeben. Andererseits mag ich nicht ausschließen, dass es einen Tippgeber gab. Es sieht so aus, als hätte er einiges über die familiären Abläufe gewusst. Natürlich kann ich es durch Beobachten der Familie nach und nach erfahren, aber wären seine Beobachtungen am Entführungsort nicht aufgefallen?"

Was für ein Typ ist er? Hat er Familie, ist er verheiratet? Was könnte er von Beruf sein?

"Dass er sich als Paketbote ausgegeben hat, kann bedeuten, dass er sich mit Botentätigkeiten tatsächlich auskennt. Ich mache als Täter immer das, was ich kann, etwas, mit dem ich Erfahrung habe. Wenn ich mir die Fotos aus der S-Bahn ansehe, denke ich, dass er alleinstehend ist. Auf dem Bild von dem Parkplatz sieht er dynamischer aus. Ich denke, dass er eher ein stiller Mensch ist. Er sieht mittellos aus. Mir scheint, dass der Mann ein Lebens-Bankrotteur ist. Er könnte auch ein Zocker oder Spieler sein. Mir kommt es so vor, als würde er weitgehend mit dem Leben abgeschlossen haben. Er sah in dieser Tat seine letzte Chance."

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