Auszeichnung der Abendzeitung Unsere Besten! - Das sind die AZ-Sterne des Jahres

Die Schauspielerin Senta Berger und ihr Sohn, Regisseur Simon Verhoeven, bei der Premiere ihres Films "Willkommen bei den Hartmanns" im Matthäer Filmpalast in München. Foto: dpa

Die Preisträger in den Kategorien Kunst, Musik, Oper, Theater, Literatur, Fernsehen und Film. Wer sich im Jahr 2016 einen Stern der Abendzeitung verdient hat.

München - Was war außergewöhnlich im Kulturjahr 2016? Damit meinen wir nicht den Unmut über die Neuausrichtung der Münchner Kammerspiele oder, dass ein großer US-Barde den Literaturnobelpreis bekam, aber dafür seine Never-Ending-Tour nicht unterbrach. Auch dass die Rolling Stones auf ihrem 23. Studioalbum zwar nur Songs coverten, aber sich dabei gleichzeitig retro neuerfanden, ist hier zweitrangig.

Wir haben vielmehr unsere Eindrücke des Kulturjahrs noch einmal auf uns wirken lassen und aus der Distanz überprüft, dann diskutiert und entschieden: Hier sind unsere Favoriten aus Kunst, Musik, Oper, Theater, Literatur, Fernsehen und Film.

Zum 44. Mal vergeben wir die AZ-Sterne des Jahres. Verliehen werden die Preise auf einer Gala Anfang Februar im Lustspielhaus von Till Hofmann.

Filmkomödie: Simon Verhoeven

Für: "Willkommen bei den Hartmanns"
Simon Verhoeven, der auch das Drehbuch schrieb, würzt seine temporeiche Komödie über eine Münchner Familie, die einen Flüchtling aufnimmt, mit angenehmer Schärfe. Die Dialoge sind durchweg witzig und fast wie im richtigen Leben. Dazu hat er ein wunderbares Ensemble gefunden – mit Heiner Lauterbach, Florian David Fitz, Senta Berger (oben), Uwe Ochsenknecht, Palina Rojinski, Elyas M’Barek und Eric Kabongo (rechts). Dabei ist aber kein blauäugiger Wohlfühlfilm entstanden, vielmehr werden alle Seiten aufs Korn genommen: Helfer, Hasser, Nazis – und auch die Flüchtlinge. Verhoevens Film verzichtet dabei weitgehend auf moralische Wertungen und setzt auf eine erfrischende Leichtigkeit, die in weiten Teilen der verbissenen politischen Auseinandersetzung längst verloren gegangen ist. Komödie heißt, die Menschen ernst zu nehmen, lautet das Credo unseres Sterneträgers Simon Verhoeven. Daher gibt es neben Satire und Klamauk auch leise Momente.

AZ-Stern des Jahres in der Kategorie Filmkomödie: "Willkommen bei den Hartmanns" von Simon Verhoeven.AZ-Stern des Jahres in der Kategorie  Filmkomödie: "Willkommen bei den Hartmanns" von Simon Verhoeven. Foto: Warner

 

Theater: David Bösch

Für: "Mensch Meier"
Ein armer Typ dieser Meier: Als Arbeiter einer Autofabrik lässt er sich ausnutzen, als Familienvater ringt er um Autorität. Das Stück von Franz Xaver Kroetz von 1978 hat unser Stern des Jahres David Bösch im Marstall inszeniert: episodisch, im detailreich realistischen Bühnenbild, ohne Aktualisierungswahn, aber nahe gehend, weil Norman Hacker (re.), Katharina Pichler (li.) und Marcel Heuperman einen fabelhaften Ton zwischen Humor und Tragödie finden. Ein kleines großes Stück Theater mit Raum für Sehnsüchte und vor allem eine ideenreiche Inszenierung mit Herz.

AZ-Stern des Jahres in der Kategorie Theater: David Bösch.AZ-Stern des Jahres in der Kategorie Theater: David Bösch. Foto: Thomas Dashuber

 

Kabarett: Nico Semsrott

Für: "Freude ist nur ein Mangel an Information"
Er wird nie Mitarbeiter des Jahres! Denn frühes Aufstehen, erklärt er für sinnlos. Denn es gebe nichts, was man nicht auch nach 14 Uhr erledigen könnte. Nico Semsrott ist ein Widerstandskämpfer gegen die Leistungsgesellschaft. „Freude ist nur ein Mangel an Information“, heißt seine Show. Die Informationen gibt er in Demotivations-Workshops mit Power-Point-Präsentation und untergräbt dabei die postfaktische Gesellschaft mit Power-Pointen. Da der 30-jährige Hamburger Ehrungen als Beleidigung empfindet, entschuldigen wir uns auch für den Jahresstern.

AZ-Stern des Jahres in der Kategorie Kabarett: Nico SemsrottAZ-Stern des Jahres in der Kategorie Kabarett: Nico Semsrott. Foto: Hopfgarten

 

Neue Volksmusik: "Hochzeitskapelle"

Für: „The world is full of songs“
Die Eigensicht muss nicht immer stimmen: „Folkloristisch-elegischer Rumpeljazz!“ Aber auch in der Fremdwahrnehmung kann man das gelten lassen. Das Folkloristische spiegelt die Besetzung: Bratsche, Tuba, Posaune, Trompete, Schlagzeug plus akkordeonistische Gastauftritte. Dazu kommen Banjo, Gitarre und sogar ein Glockenspiel. Elegisch? Ja, wenn man den Blueseinfluss nimmt. Aber als „Hochzeitskapelle“ sind natürlich auch optimistischere Stücke im Repertoire. Und Jazz? Ja sicher, mit einer Brise New Orleans. Bei alledem ist keine Mischmasch-Weltmusik entstanden, sondern spielerische Volksmusik. Das erste Album der fünf Musiker heißt „The world is full of songs“.

AZ-Stern des Jahres in der Kategorie Neue Volksmusik: HochzeitskapelleAZ-Stern des Jahres in der Kategorie Neue Volksmusik: Hochzeitskapelle.  Foto: Andreas Staebler

Ballett: Igor Zelensky

Im Sommer verließ Ivan Li(s)ka nach 18 Jahren Direktion das Bayerische Staatsballett – ein durchaus schmerzhafter Einschnitt für die Mitglieder des Ensembles und viele Beobachter. Sein Nachfolger Igor Zelensky wurde (und wird) misstrauisch beäugt. Dennoch: In den ersten Repertoirevorstellungen der Klassiker „Giselle“ und „Romeo und Julia“ tanzte sich eine großartige Kompanie aus bekannten und neuen Künstlern ins Herz des Münchner Publikums. Und internationale Gaststars wie Natalia Osipova oder Sergei Polunin sind als Sahnehäubchen draufgesetzt. Was Zelensky bisher geboten hat, ist ein grandioses Versprechen für das, was noch kommen wird.

AZ-Stern in der Kategorie Ballett: Igor ZelenskyAZ-Stern in der Kategorie Ballett: Igor Zelensky. Foto: dpa

Musiktheater: Gil Mehmert

Für: "Hair"
So hart und intolerant, wie die Zeiten heute sind, kann eine starke Dosis „Love & Peace“ nicht schaden. Die verpasste uns das Gärtnerplatztheater im Februar mit „Hair“ in der Reithalle. Es passiert nicht alle Tage, dass die Leute von den Sitzen springen und bei „Let the Sunshine in“ mit den Darstellern auf der Bühne tanzen. Da war das Musical von Galt McDermot ganz bei sich: bei seinen Ursprüngen als Hippie-Happening. Die Inszenierung von Gil Mehmert erzählt gerade so viel Handlung wie nötig und macht sie zum Vorwand für so viel (intelligente) Revue wie möglich. Dabei transportiert sie das rauschhafte Lebensgefühl des Aufbruchs am Ende der 1960er Jahre.

AZ-Stern in der Kategorie Musiktheater: Gil Mehmert für "Hair".AZ-Stern in der Kategorie Musiktheater: Gil Mehmert für "Hair". Foto: Christian P. Zach

 

Schauspielerin: Julia Riedler

Als Julia Riedler im Kindergartenalter war, hat sie laut eigenen Aussagen bevorzugt Fußball gespielt. Und ja, eine Puppe wurde ihr mal geschenkt, aber der hat sie den Kopf abgesägt. Im neuen Ensemble der Kammerspiele ist sie eine Größe, die sich in alles stürzt, was man performativ so machen kann: als Jesus am Kreuz hängen (in „Wut“), einen irren Internet-Text durch den Körper jagen (mit ihren kongenialen Partnern Brigitte Hobmeier und Thomas Hauser in „The Re’search“), als Cowgirl Hölderlin zitieren (in „Caspar Western Friedrich“) oder sich in eine entlassene Zeitarbeiterin einfühlen (in „Hot Pepper…). Alles geht, der Körper ist ein Durchlauferhitzer für jedes Stück, die Stimme angeraut wie bestes Schmirgelpapier, der Geist so flink, dass man beim Zuhören und Zuschauen einfach mitgerissen wird. Da verlieren nicht nur Puppen den Kopf. Danke dafür, Julia Riedler!

AZ-Stern des Jahres in der Kategorie Schauspielerin: Julia RiedlerAZ-Stern des Jahres in der Kategorie Schauspielerin: Julia Riedler. Foto: David Baltz

 

Schauspieler: Jrean-Luc Bubert

Er ist seit Jahren der Wildeste im Ensemble des Volkstheaters: Seit 2008 spielt Jean-Luc Bubert (auf dem Foto unten links) an Christian Stückls Haus, übertrumpfte unvergesslich in „Einer flog über das Kuckucksnest“ selbst seinen Vorgänger Jack Nicholson an wunderbarem Wahnsinn und gibt jeder Inszenierung seinen ganz speziellen irrwitzigen Drive. Für nichts ist sich Jean-Luc Bubert zu schade. Im Gegenteil: In dieser Spielzeit tauchte er als Trunkenbold in Stückls „Sturm“-Inszenierung in einen sehr realen Shit-Storm ein. Und bei Bedarf geht es auch anders: In „Dämonen“ spielt er sinister als Frank mit den Gefühlen der anderen, darunter liegt das Drama eines Verletzten. Eine tolle zurückhaltende Performance inmitten all der furiosen Jean-Luc-Stürme. Was wäre das Volkstheater ohne ihn!

AZ-Stern des Jahres in der Kategorie Schauspieler: Jean-Luc Bubert.AZ-Stern des Jahres in der Kategorie Schauspieler: Jean-Luc Bubert. Foto: David Baltzer

 

Klassik: Jörg Brückner

Wer schon länger ins Konzert oder in die Oper geht, der erinnert sich: Horn-Soli waren noch vor zwanzig Jahren Angstpartien für Musiker und Zuhörer. Das technische Niveau ist da gewaltig gestiegen. Gickser hört man heute kaum noch. In allen drei Groß-Orchestern dieser Stadt spielen herausragende Hornisten. Aber einer ist der Beste: Jörg Brückner, der Solo-Hornist der Münchner Philharmoniker. Eine Bruckner-Symphonie ohne den gebürtigen Leipziger – das ist eigentlich undenkbar. Niemand erzeugt mit mehr gelassener Sicherheit den romantischen Zauber. Brückner hatte im Oktober einen großen Auftritt: Als Solist in Benjamin Brittens „Serenade“ für Tenor, Horn und Streichorchester. Da erreichte er auf seinem Instrument eine Beweglichkeit, die man sonst nur der Flöte zutrauen würde.

AZ-Stern in der Kategorie Klassik: Jörg Brückner


AZ-Stern in der Kategorie Klassik: Jörg Brückner. Foto: Münchner Philharmoniker

Kunstausstellung: Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung

Für: "Joaquín Sorolla - Spaniens Meister des Lichts"
Was für ein Spektakel auf einem einzigen Stück Stoff! Vor 120 Jahren hat Joaquín Sorolla „Das Nähen des Segels“ gemalt – und noch immer leuchtet das Licht des Südens so intensiv und im Spiel mit dem Schatten so raffiniert aus diesem Bild, dass man fast die Augen zusammenkneifen muss. Nicht nur in Paris, dem Dorado des Impressionismus, reagierten damals Kritiker und Kollegen wie Claude Monet euphorisch. Der spanische Maler beherrschte alle gängigen Genres, von der Landschaft bis zum einfühlsamen Porträt – hier hat er sich gleich ganz oben an seinem Vorbild Velázquez orientiert. Und doch wurde Sorolla im Norden vergessen. Wie schön, dass die Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung unter der Leitung von Roger Diederen diesen Meister des Lichts durch eine fantastische Retrospektive für uns wieder entdeckt hat. Und man darf es ruhig sagen: Selten sind die verwöhnten Münchner so beseelt aus einer Ausstellung getaumelt.

AZ-Stern des Jahres in der Katagorie Kunstausstellung: Die Hypo-KunsthalleAZ-Stern des Jahres in der Katagorie Kunstausstellung: Die Hypo-Kunsthalle. Foto: Venise, Galleria Int. d'Arte Moderna di Ca’ Pesar

 

Kinodrama: Maria Schrader und Josef Hader

Für: "Vor der Morgenröte"
In der Nacht zum 23. Februar 1942 nahm sich Stefan Zweig nahe Rio de Janeiro das Leben. Es war die Konsequenz aus der Zerstörung seiner „geistigen Heimat Europa“ durch den Faschismus und dem tobenden Zweiten Weltkrieg. In ihrem ruhigen, wunderbar stilisierten Film „Vor der Morgenröte“ erzählt Regisseurin Maria Schrader die Exilgeschichte des großen österreichischen Schriftstellers. Josef Hader hat sich dafür von den Kabarettbrettern ins dramatische Fach begeben und Stefan Zweig anverwandelt: so faszinierend, dass wir uns diesen weltberühmten Schriftsteller und sein zunehmend melancholisches Lebensgefühl im Exil nicht mehr anders vorstellen können. Das Gespann Maria Schrader und Josef Hader überzeugte nicht nur uns, sondern zog auch noch 222.000 Zuschauer in Deutschland in die Kinos. Da soll noch einmal jemand sagen, dass Arthaus-Filme nicht mehr funktionieren.

AZ-Stern des Jahres in der Kategorie Kinodrama: Maria Schrader und Josef Hader.AZ-Stern des Jahres in der Kategorie Kinodrama: Maria Schrader und Josef Hader. Foto: Mathias Both/X-Verleih

 

Literatur: Pierre Jarawan

Für: "Am Ende bleiben die Zedern"
Die meisten Autoren seiner Generation erschöpfen sich in Beziehungsromanen und der Verlängerung der Pubertät. Pierre Jarawan ist eine schillernde Ausnahme. Der 30-jährige Münchner Slam-Poet beschreibt in seinem Romandebüt „Am Ende bleiben die Zedern“ (Berlin Verlag) die spannende Geschichte einer Identitätssuche zwischen Deutschland und dem Libanon. Aus heiterem Himmel verschwindet der Vater des jungen Samir, nachdem die Familie vor dem libanesischen Bürgerkrieg nach Deutschland geflohen ist. Zwanzig Jahre später spürt Samir, dass er selbst nicht frei für sein Leben ist, bis er das Geheimnis um seinen Vater lösen kann. Er beginnt die Reise in den Libanon und in eine Vergangenheit, die sein Leben verändern wird. Pierre Jarawan beschreibt die Lebenswelt einer Familie, die zwischen zwei Ländern und Kulturkreisen hin- und hergerissen ist. Es gelingt ihm, das Gefühl der zweiten Einwanderergeneration fassbar zu machen – das Bewusstsein der Kinder, die mit den Geschichten über die alte Heimat ihrer Eltern aufgewachsen sind. Sein Roman ist ein literarisches Debüt von erstaunlicher Reife, Welthaltigkeit und erzählerischer Kraft.

AZ-Stern des Jahres in der Kategorie Literatur: Pierre JarawanAZ-Stern des Jahres in der Kategorie Literatur: Pierre Jarawan

 

TV-Film: Nicole Weegmann

Für: "Ein Teil von uns"
Selten erreicht die Realität die Fernsehwelt so wuchtig, tragisch und unverstellt wie im TV-Film „Ein Teil von uns“. Er beschreibt, wie das Säuferschicksal der Mutter (Jutta Hofmann, Foto rechts) das Leben der Tochter (Brigitte Hobmeier) beeinträchtigt und überschattet. Natürlich will sie der Obdachlosen helfen, aber das ist mit mehr Rückschlägen als Erfolgen verbunden. Unserer Sternepreisträgerin Nicole Weegmann gelingt als Regisseurin nach einem Drehbuch von Esther Bernstorff ein erschütternder Film, der sich weit aus der Komfortzone heraus begibt und auch keine fernsehfilmübliche Lösung anbietet.

AZ-Stern des Jahres in der Kategorie TV-Film: Nicole WeegmannAZ-Stern des Jahres in der Kategorie TV-Film: Nicole Weegmann. Foto: Alexander Fischerkoesen

 

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