Südafrika im Haus der Kunst: Neben Kendell Geers Polit-Kunst thematisiert nun eine umfassende Ausstellung die Apartheid

Die Fronten waren klar. Meint man. Und dann sitzt da ein Mädchen auf einer Parkbank mit der Aufschrift „Europeans only” – „nur für Europäer”. Von der anderen Seite beugt sich die schwarze Nanny zur kleinen Weißen, streichelt ihr liebevoll durchs Haar. Peter Magubane hat das Foto aufgenommen, 1956 in Johannesburg. Und es gehört sicher zu den Aufnahmen im Haus der Kunst, die am meisten irritieren, kurios und anrührend zugleich, so hoffnungsvoll wie schmerzhaft – emotional über sämtliche Grenzen hinweg und doch getrennt.

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Im überbordenden Bilderreigen zu „Aufstieg und Fall der Apartheid“ fällt das ungleiche Duo auf, selbst unter den zwischendurch ziemlich amüsanten Aufnahmen aus dem „ganz normalen Leben“. Und davon gibt es eine Menge, im Untertitel der Ausstellung heißt es schließlich „Fotografie und Bürokratie des täglichen Lebens“. Denn dem kuratierenden Direktor Okwui Enwezor geht es mit dieser vermutlich umfassendsten Ausstellung zum Phänomen der Apartheid in Südafrika neben der Thematisierung der großen historisch-politischen Fixpunkte vor allem um diese völlige, ja perfide Durchdringung des Gewöhnlichen, Banalen, Allerweltlichsten. Von der Parkbank bis zum Nachtclub für durchgeknallte Weiße.

Der Sieg der Nationalen - ein fataler Meilenstein

Und Enwezor dokumentiert das in erster Linie mit dem Schlagkräftigsten unserer Tage: der Fotografie. Sie ist von Anfang an im Boot, 1948, als die „Nasionale Party“ die Parlamentswahlen gewinnt und sich beeilt, Gesetze zur Segregation, also zur Trennung verschiedener Bevölkerungsgruppen, zu verabschieden. Das Verbot der Eheschließung zwischen Weißen und Nichtweißen (1949) etwa. Wobei die Ungleichbehandlung eine geradezu illustre, lange, auch calvinistisch geprägte Geschichte hat, die Rechte der Schwarzen schon vor dem „Mines and Works Act“ (1911) oder dem „Natives Laws Amendmend Act“ (1937) stark eingeschränkt waren.

Doch der Sieg dieser Nationalen Partei ist ein besonders fataler Markstein. Man vergleicht die nun folgende Entwicklung unwillkürlich mit der deutschen Geschichte – nach zwölf Jahren NS-Terror beriet ab September 1948 der Parlamentarische Rat in Bonn über das Grundgesetz. Und auch gen Ende der Apartheid – im Februar 1990 verkündet Präsident Frederik Willem de Klerk die Haftentlassung der Ikone des schwarzen Widerstands, Nelson Mandela – folgt nur ein paar Monate später die deutsche Wiedervereinigung. Zum Greifen nahe könnte das alles noch sein, doch auch nach ein paar fußballverrückten Wochen im Jahr 2010 entfernte sich dieses Südafrika wieder schnell aus den meisten mitteleuropäischen Gedanken.

Umso erstaunlicher, wie es Enwezor und seinem südafrikanischen Ko-Kurator Rory Bester gelingt, das Thema nach New York (International Center of Photography) nun auch in München ungemein präsent werden zu lassen. Weniger durch die Dominanz der Großformate im zentralen Raum des Ostflügels, als vielmehr durch die subtilen Bilderfolgen der Fotografen: Eli Weinberg und Alf Khumalo, David Goldblatt oder Jurgen Schadeberg. Übrigens in ausgesuchter Qualität, man könnte heute noch die hochkarätigsten Magazine damit füllen.

Tatsächlich haben viele der Fotoheroen für „Drum“ gearbeitet, eine Art früher „Stern“, in dem Politik, Glamour, Entertainment und Durchschnittsleben eine anziehende Verbindung eingingen. So wie in der Ausstellung. Man wäre zwischendurch nur für zwei, drei Sätze der Erklärung am Objekt dankbar.

"Aufstieg und Fall der Apartheid - Fotografie und Bürokratie des täglichen Lebens", bis 26. Mai im Haus der Kunst, Prinzregentenstr. 1, Katalog 544 Seiten, in englischer Sprache, ab Mitte März (Prestel), 59 Euro