Ausstellung bei Lacrima Münchner Kinder: Ihre Bilder über das "Nach dem Leben"

Initiatorin Martina Plieth, Schirmherrin Petra Reiter und Lacrima-Leiter Tobias Rilling. Foto: Linda Jessen

Die Theologieprofessorin Martina Plieth setzt sich mit Grundschulkindern in München zusammen und spricht mit ihnen über Tod und Trauer. In einer Ausstellung bei Lacrima sind die Bilder zu sehen, die sie über ihre Gedanken zum „nach dem Leben“ gemalt haben.

München - Die Buben erschrecken die Mädchen gern mit Geschichten von Würmern im Sarg. Das beobachtet Martina Plieth bei ihrer Arbeit mit Grundschulkindern. In ihrer Forschungsarbeit beschäftigt sich die habilitierte Theologin besonders mit Trauer und Tod. Fünf Jahre hat sie Grundschulklassen und Kindergartengruppen besucht, um mit den Kindern zu sprechen und herauszufinden, wie sie darüber denken – und fühlen.

"Manche sind tot, andere sind töter und manche gehen ganz platt", sagte ein Kind mal. Darin offenbart sich ein Kern der kindlichen Todeswahrnehmung für Plieth: "Kinder nehmen den Tod als eine besondere Form von Lebendigkeit wahr. Tote sind eine Art verdünnte Persönlichkeitsreste."

Für die Kinder tun, denken und fühlen Tote wie Lebende, aber in einer geschwächten Form. So erzählen Kinder von flüsternden Verstorbenen – lauter können sie nicht mehr reden – von sich selbst betrauernden Beerdigten und von deren kulinarischen Vorlieben. "Tote essen auch Nutella, nur nicht so viel", stellte ein Kind fest. Der Satz war für Plieth so prägnant, dass sie ihn als Titel für ihr Buch über kindliche Trauervorstellungen verwendet hat.

Wenn Gespräche dem Tod den Schrecken nehmen

Plieth schätzt, dass sie und ihre Kollegen für das Buch mit rund 400 Kindern über Trauer gesprochen haben. Ein heikles Feld, das keines sein sollte, gerade durch die Gespräche kann dem Tod der Schrecken genommen werden. Plieth hat sich in ihrer Arbeit immer Schritt für Schritt herangetastet. "Wir sind über das Leben zum Tod gekommen", erzählt sie. Zunächst hat sie den Kindern Zeit gegeben, sie kennenzulernen, war im Unterricht zu Gast. Themen waren zuerst die Stationen des Lebens. Was denkt ein Baby vor der Geburt? Was fühlt jemand am Tag vor der Hochzeit? Über die Lebensabschnitte hinweg kam sie bei der Frage an: Was denkt und fühlt ein Mensch, wenn er weiß: Ich lebe nicht mehr so lange?

Die Kinder sollten Bilder malen, aus sich herausholen, was zum Thema Tod in ihnen steckte. "Das war harte Arbeit für die Kinder, aber auch eine Freude", erzählt sie. Hin und wieder kamen auch konkrete Trauerfälle auf. Die Klassengemeinschaft reagierte sehr einfühlsam. "Eine Grundschulklasse ist an einem freien Tag zur Beerdigung des Vaters eines Mitschülers gegangen, ohne dass Erwachsene einen Anstoß dazu gegeben haben. Das war für alle dann ein sehr positives Erlebnis", berichtet Plieth.

Die eigene Sterblichkeit hingegen scheint für die Kinder ein weniger präsentes Thema zu sein. "Je jünger ein Verstorbener ist, umso eher fragen sie danach. Wenn die Oma stirbt, entspricht das ihrer Realität", erklärt Plieth. Auch Tobias Rilling, der im Lacrima, dem Johanniter-Zentrum für trauernde Kinder, arbeitet, sagt: "Das Bewusstsein über den eigenen Tod entspricht nicht ihrer Lebenswirklichkeit.“ Sterben, das ist etwas für Alte. Oder wie ein Junge es Plieth einmal erklärte: "Man stirbt eh nur, wenn man ganz altgegangen ist." Plieth sagt dazu: "Altgehen, totgehen – das sind ganz typische Sprachmuster bei Kindern." Dass das Thema Tod für viele Erwachsene ein Tabu ist, findet Tobias Rilling schade. "Wir müssen uns darüber Gedanken machen und lernen, das auszuhalten", findet er.

Offene Ausstellung beginnt am Sonntag

Einige der Bilder, die die Kinder gemalt haben, sind ab jetzt bis zum 5. Mai in einer Ausstellung im Lacrima zu sehen – die Bilder hängen in kindgerechter Höhe.

Die Vernissage findet am Samstagabend um 19 Uhr statt, am Sonntag ist der erste offene Ausstellungstag. Schirmherrin Petra Reiter freut sich, dass die kindliche Sicht auf den Tod in den Fokus rückt. „In meiner Arbeit als Hospizbegleiterin war ich bisher oft ratlos, wenn es darum ging, mit den hinterbliebenen Kindern umzugehen“, erzählt sie aus ihrer eigenen Erfahrung. Dass der Tod ein Tabu ist, merken die Kinder. Ein Bub hat zu Plieth gesagt: "Du musst unsere Bilder den Erwachsenen zeigen – du weißt doch, wie die sind."


Perlacher Straße 21,
Offene Ausstellung jeden Sonntag


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