Ausbeutung, Tote auf Baustellen in Katar WM 2022: Mord für den Sport?

Schuften bei 50 Grad Hitze: Viele Bauarbeiter starben. Foto: Susanne Stephan

 

DOHA/BRÜSSEL Menschen, die wie Sklaven gehalten werden. Arbeiter aus Nepal, aus Indien, Pakistan oder aus Indonesien, die ihre Familien zuhause mit ihrem Lohn durchbringen wollen und dafür alles auf sich nehmen: Die Hitze auf den WM-Baustellen am Golf, die schlechten hygienischen Bedingungen in den Unterkünften, die Todesgefahr. Gestern debattierte das Europäische Parlament über die Situation auf den Baustellen für die WM 2022 in Katar.

Das Land ist steinreich. Auf der Liste der vermögendsten Staaten der Welt rangiert es auf Platz zwei, hinter Luxemburg. Aber Ausländer zählen in Katar wenig, und sie werden mit Hungerlöhnen abgespeist. 300 Euro im Monat kann ein Arbeiter für einen zwölf-Stunden-Tag in glühender Hitze erwarten. Er lebt oft in einer Unterkunft, die einem Stall ähnelt, muss sich den Schlafraum mit über 20 anderen Arbeitern teilen.

Seinen Pass hat sein Arbeitgeber – wenn es dem Chef passt, kann er seinen Arbeitern die Heimfahrt verwehren, kann ihnen unter irgendeinem Vorwand den Lohn vorenthalten. Die Botschafterin Nepals sprach von Katar als einem „offenen Gefängnis“ – bevor sie von ihrer Regierung zurückgepfiffen wurde.

Der britische „Guardian“ hat die Zustände auf den Baustellen für die WM 2022 öffentlich gemacht. Sie werfen kein gutes Licht auf die Gesellschaft der Vermögenden am Golf: Körperliche Arbeit wird ausschließlich Ausländern zugemutet, und deren Gesundheit zählt nicht viel. Unfälle auf den Baustellen sind an der Tagesordnung.

Amnesty International berichtet, von den gut 340000 Nepalesen in Katar seien allein 2012 insgesamt 174 gestorben, zumeist an Herzversagen wegen der körperlichen Anstrengung und mangelndem Schutz vor der sengenden Sonne. Drei Arbeiter seien von Gerüsten gefallen und gestorben. Die gesamte Zahl der Todesopfer dürfte weit höher liegen, denn Menschen aus Nepal machen nur rund ein Sechstel der Gastarbeiter in Katar aus.

Insgesamt verdienen sich rund zwei Millionen Ausländer mit Arbeiten für die rund 250000 Kataris ihren Lebensunterhalt. „Sie werden behandelt wie Ware“, kritisiert DGB-Chef Michael Sommer. Sobald die Spielstätten und die damit verbundene Infrastruktur fertiggestellt seien, würden sie „weggeworfen wie Dreck“.

Anders sieht es Helmut Spahn, der ehemalige Sicherheitsbeauftragte des Deutschen Fußball-Bundes, der heute als Direktor der Organisation für Sicherheit bei Sportevents in dem Emirat lebt. Die Europäer sollten nicht als Oberlehrer auftreten, sagt er. „In einem arabischen Land gibt es einen eigenen Lifestyle.“ sun

Theo Zwanziger ist die Sache unangenehm

 

BRÜSSEL Dieser Termin war nicht besonders unterhaltsam für Theo Zwanziger. Der deutsche Fußball-Funktionär musste zur Anhörung beim Menschenrechtsausschuss des EU-Parlaments. Dort gelobte er stellvertretend für seine Organisation Besserung: Der Welt-Fußballverband Fifa habe aus dem Katar-Desaster gelernt, sagte er.

Zwanziger hatte in der Vergangenheit selbst die Menschenrechts-Situation in Katar kritisiert, aber eingeräumt, dass nicht alle bei der Fifa seine Meinung teilten. Die Achtung von Menschenrechten soll künftig bei der Vergabe von Weltmeisterschaften eine größere Rolle spielen, kündigte er jetzt an. „Die WM-Vergabe an Katar hat zu einem Zeitpunkt stattgefunden, (...) in der Menschenrechtsfragen nicht im hohen Maße thematisiert wurden“, sagte er. „Wir werden diesen Fragen einen wesentlich größeren Stellenwert beimessen müssen“. Schon bei der Ausschreibung und beim Bieterverfahren müsse dies eine Rolle spielen.

Zeit für eine Änderung der eigenen Statuten hat die Fifa genug. Die nächste WM-Vergabe steht wohl erst in fünf Jahren für das Turnier 2026 an.

Das heftig kritisierte Kafala-System zum Umgang mit Gastarbeitern in Katar „können wir nicht aus den Angeln heben“, sagte Zwanziger. Bei diesem System gibt der Staat die Verantwortung für ausländische Leiharbeiter in die Hände der Arbeitgeber. Diese müssen zum Beispiel ihre Pässe abgeben und können das Land nicht verlassen. „Dieses feudale System hat es ja auch schon vor der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft gegeben", erinnerte der Funktionär.

Zwanziger mahnte, die Fifa trage nicht allein die Verantwortung für den Umgang mit dem Gastgeberland. Auch Politik, Wirtschaft und nationale Verbände sowie die Clubs dürften vor den Zuständen im Land nicht die Augen verschließen. „Die Clubs, die gerade jetzt wieder in großer Zahl Trainingslager in Katar besuchen, können natürlich nicht an diesen Umständen vorbeisehen.“ In diesem Winter absolvierten zum Beispiel der FC Bayern München und der FC Schalke 04 ihre Vorbereitung auf die Rückrunde zum wiederholten Male in Katar.

 

 

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