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ars-technica 7 in Unterhaching Technik, Wissenschaft und Kunst

WOLKENRAUM. Foto: Dr. Hajo Drott

Die, Anfang des 20. Jahrhunderts zu beobachtende, zunehmende wechselseitige Durchdringung des künstlerischen und des wissenschaftlich-technischen Bereiches erreichte mit dem Aufkommen der Computertechnologie eine neue Dimension.

Dabei sind die Beziehungen, die Kunst, Wissenschaft und Technik im Laufe der Geschichte auszeichneten, ein aktuelles, aber kein neues Problem. Bereits in der Antike bildeten Kunst und Technik keinen Gegensatz, da Kunst durch eine bestimmte Art von Wissen definiert war, was sich in dem Begriff >techne< manifestiert. Während Platon der Kunst keinen hohen Stellenwert beimaß, sah Aristoteles in der nachahmenden Kunst nicht nur Sinnenreiz, sondern auch die Lust am Lernen. Und weiter meinte er, dass in der Kunst der Mensch seiner höchsten Bestimmung, dem theoretischen Verhalten, zustrebt.

Größte Annäherung beider Disziplinen ist in der Renaissance zu beobachten. Mit der Entdeckung der Zentralperspektive durch Brunelleschi und Ucello treten geometrische und mathematische Momente in die Bildkonstruktion. Leonardo da Vinci verwendet zur Bilderstellung zeitweise ein Gerät, das alle Merkmale einer Lochkamera besitzt. Auch Dürer bedient sich technischer Geräte, um Perspektivdarstellungen zu maximieren. Diese enge Allianz, die zwischen Kunst und Technik bis dahin bestand, ist ab dem 17. Jahrhundert nicht mehr auszumachen.

Die jetzt entstehenden exakten Naturwissenschaften bieten keinen Ansatzpunkt mehr für Gemeinsamkeiten, denn die Wissenschaft löst sich radikal von allem Sinnhaften, dem die Kunst jedoch weiter verpflichtet bleibt. Die Entwicklungen und Stilbildungen in der bildenden Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts, zu den naturwissenschaftlichen Entwicklungen dieser Zeit in Beziehung und Vergleich zu setzen, hat heute Konjunktur, ist aber behutsam und kritisch vorzunehmen.

Derartige Vergleiche, wie die Literaturauswertung zeigt, verleiten oft zu Konstruktionen und Verabsolutieren beider Disziplinen. Dabei wird leicht aus dem Auge verloren, dass Kunst und Wissenschaft andere Methoden, andere Denkweisen und Ausdrucksformen entwickelt haben. Daneben ist aber ebenso wahr, dass Kunst und Wissenschaft untrennbarer Teil der gesamtgesellschaftlichen Strukturen sind und mit diesen in ständiger Wechselwirkung stehen.

Das zeigt sich gut beim Impressionismus. Wahrnehmen steht bei den Impressionisten im Vordergrund. Die Konsequenz daraus führt zur Aufgabe der Lokalfarbe, der Farbe, die fest mit einem Gegenstand vom Gedächtnis assoziiert wird. Farbe wird zurückgeführt auf genuine Wahrnehmung und auf reflektierte Wellenlängen des Lichtes.

Mit Seurat und den Neoimpressionisten wird die Kunst konstruktiv und wissenschaftlich. Seurat konstruiert mit horizontalen und vertikalen Punkten eine Verspannung der Fläche, die nach seinen eigenen Aussagen vor dem eigentlichen Malakt festliegen. Der dann punktförmige Auftrag mit reinen, ungebrochenen Primärfarben ist oft mit dem elektronisch erzeugten Bild auf dem Monitor des Computers in Verbindung gebracht worden, da auch hier auf dem Bildschirm die Primärfarben in Form von eng aneinanderliegenden punktförmigen Pixeln angeordnet sind.

Die Primärfarbenanordnung auf dem Monitor gründet im Technischen und hat ihren Grund in messanalytischen Optimierungsverfahren. Die Farbpunktzerlegung der Neoimpressionisten jedoch ist dagegen ein System, das Harmonie anstrebt, gründet im Ästhetischen.

Viel näher zur Wissenschaft ist dagegen die Anwendung von Regeln und die Einbeziehung des Betrachters in den Sehprozess. Denn da sich erst im Auge des Betrachters die Farbpunkte zu einer Einheit zusammenfügen, muß das Auge interaktiv in das Bild mit einbezogen werden, was erst eine erfolgreiche Rezeption garantiert und damit sind zumindest Grundkenntnisse der Optik des Künstlers notwendig.

1905 veröffentlichte Einstein seine spezielle Relativitätstheorie, 1908 gibt ihr Minkowsky mit den von ihm entwickelten vierdimensionalem Raum-Zeit-Gleichungen die mathematische Struktur. Fast zur gleichen Zeit kreieren Picasso und Braque den Kubismus. Die Einbindung der Zeit in die dreidimensionale Raumvorstellung, fast gleichzeitig in Wissenschaft und Kunst entstanden, ist nicht zu übersehen. Sicherlich war das Denken der meisten kubistischen Maler nur durch geringe physikalische Kenntnisse abgesichert und sie so nicht das geometrisch-mathematische, sondern mehr die philosophischen Vorstellungen der vierten Dimension meinten.

Die Quellen gehen davon aus, dass die Mehrzahl der Künstler des Kubismus die vierte Dimension nicht in ihrer mathematischen Begrifflichkeit und in ihrem vollen Ausmaß verstanden, sondern intuitiv sich diesem Problem auf anschaulicher Weise näherten. Die Suche der Wissenschaft nach dem elementaren Aufbau der Materie hatte mit dem Atommodell von Niels Bohr um 1913 zu entscheidenden neuen Erkenntnissen geführt.

Und wieder etablierten sich in der Kunst Richtungen, die zu diesen Entdeckungen eine Verwandtschaft zum Elementaren erkennen lassen. 1910 malte Kandinsky sein erstes abstraktes Werk, 1913 Delaunay Bilder, wo die Farbe ohne gegenständlichen Bezug eingesetzt wird.

Zwischen 1950 und 1960 entstehen neben der Op-Art auch die ersten Werke der Computerkunst. Was hier gemeinsam ist, sowohl die Op-Art wie die Computergrafik wenden zum Bildaufbau Regeln an, mit deren Hilfe versucht wird, beabsichtigte Wirkungen zu erzeugen. Die Werke werden mit formaler Klarheit und mechanischer Präzision hergestellt und konsequent algorithmisch aufgebaut.

Die klassische Moderne untersuchte Zeichen und Symbole. Diese wurden als Elemente der Gestaltung benutzt. Wenn Kunst mit Zeichen bei der Gestaltung des Werkes mit vorgegebenen Regeln arbeitet, dann liegt Kunst als Grammatik vor und kann begrifflich dargestellt werden. Dieser Übergang von der anschaulichen Bildform zur Begriffsform war die Stilrichtung der Concept-Art.

Concept-Art sind gedankliche Konstrukte, Theorien, die für den Werkprozess kaum noch Materialien benötigen. Sie sind quasi immateriell und das sind zuallererst auch die Kunstwerke, die mit Hilfe des Computers generiert werden. Ihr Dasein breitet sich auf Speichern in Form von nicht sichtbaren elektromagnetischen Kraftfeldern aus.

Der Computerkünstler bedient sich vorwiegend Software, die ihm der wissenschaftlich ausgebildete Programmierer zur Verfügung stellt. So stellt sich die Frage, in welcher Weise sich aus der Entwicklung der Kunst und der dazu parallel verlaufenden technisch-wissenschaftlichen Entwicklung bis hin zum Computer die logische Konsequenz einer Annäherung ihrer Zielrichtung ergibt.

Verbindungen ergeben sich einmal daraus, dass Wissenschaftler und Künstler das gleiche Hypermedium Computer benutzen. Künstler nähern sich wissenschaftlichem Denken, Wissenschaftler visualisieren ihre abstrakten Formeln anschaulich am Computer. Letztendlich ist es erlaubt zu sagen: Kunst und Wissenschaft versuchen die Welt zu erkennen, die Wissenschaft auf rationalem, die Kunst auf anschaulichem Wege. Die Wege sind verschieden, das Ziel ist das Gleiche.


ars-technica 7 in Unterhaching vom 28.04.2017 - 01.05.2017

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