Seit Oktober ist Andres Lepik Direktor des Architekturmuseums der TU. Mit der AZ sprach der Neue über Provisorien, notwendige Debatten und Glück

Die Siebträger-Maschine, Typ Bezzera, samt Kaffeemühle verraten den Genießer, am Milchschaum bastelt er noch. Aber alles kann nicht auf Anhieb perfekt sein, und Andres Lepik braucht in München eh Geduld. Der neue Direktor des Architekturmuseums hat erst mal kein Museum. Die Pinakothek der Moderne muss renoviert werden. Doch der Mann mit der markanten Brille joggt kilometerweit, er dürfte also Ausdauer haben.

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AZ: Herr Lepik, mit Ihrem Museum sind Sie auf ein Provisorium angewiesen, eigentlich ist das ja die typische Wohnsituation von München-Neulingen.
ANDRES LEPIK: Privat bin ich hier aber schon richtig angekommen, mit Wohnung und allem Drum und Dran.

Wo ist der Architekturhistoriker denn gelandet?
Das darf man fast nicht laut sagen: in einem 60er-Jahre-Bau nahe der Münchner Freiheit – direkt am Englischen Garten. Reines Glück!

Die Schließung der Pinakothek der Moderne ist das weniger, aber mit der Schaustelle hatten Sie gleich die zündende Idee.
Das war ein guter Einstieg, vor allem auch, um die Partner in der Pinakothek kennen zu lernen. Bisher war’s wohl eher so, dass sich die vier Direktoren nur um ihr eigenes Programm gekümmert haben. Nun sitzen wir in einem kleinen Rettungsboot und dürfen alle gemeinsam rudern. Die Erfahrungen sind jetzt schon so gut, dass wir das weiterführen wollen.

Wann ist die Schaustelle denn fertig?
Nächste Woche wird der Bau übergeben. Ab 9. März zeigt die Neue Sammlung dort das Werk des Schmuckkünstlers Otto Künzli. Das gemeinsame Programm startet aber erst am 13. April.

Schmuck auszustellen, dürfte kein Problem sein, aber sonst?
Es gibt eine Heizung, wir können also auch in den kalten Monaten Veranstaltungen anbieten. Aber ohne Klimaanlage kann man natürlich keine Gemälde zeigen. Die Schaustelle soll ja auch kein Ersatz für die Pinakothek sein.

Wie funktioniert das Gebäude?
Wir haben eine Gerüstkonstruktion, innen ist ein Raum mit 270 Quadratmetern Fläche – für Filme, Theater, Performance, Video. Darüber gibt es eine offene Veranstaltungsfläche für 199 Personen und ganz oben noch eine Aussichtsplattform, die einen Blick übers Kunstareal bietet.

Gibt’s eine Museumskasse?
Eventuell werden wir Eintritt für besondere Veranstaltungen verlangen, aber tagsüber wird der Eintritt frei sein.

Könnte die Schaustelle denn bleiben, wenn Sie gut läuft?
In dieser Form sicher nicht, das wäre zu teuer. Die Gerüste sind nur für sechs Monate geliehen. Wir denken aber darüber nach, ob wir das Fundament nicht belassen, um an dieser Stelle auch zukünftig neue Formate zu erproben und die Idee des zweiten Bauabschnitts präsent zu halten.

Sie waren lange im Ausland, wie wird sich das im Architekturmuseum widerspiegeln?
Etwa mit unserer ersten Ausstellung nach der Wiedereröffnung „Afritecture” ab 12. September. Da geht’s um aktuelle Architektur in Afrika – Ruanda, Südafrika, Burkina Faso. Auch von Francis Kéré, der mit Christoph Schlingensief das Operndorf gebaut hat, wird einiges zu sehen sein.

Ihr Kollege Okwui Enwezor vom Haus der Kunst wäre da doch der passende Partner.
Wir sind schon im Gespräch. Er wird auf jeden Fall beratend zur Seite stehen.

Enwezor liebt den Diskurs. Wollen Sie mit Ihren Ausstellungen denn auch die längst fälligen Architekturdebatten neu beleben?
Ja, wir sind alle von Architektur umgeben, trotzdem setzen wir uns viel zu wenig damit auseinander, lassen uns von Architekten, Bauherrn, Politikern vorschreiben, wie unser Lebensraum auszusehen hat. Es muss viel mehr Mitsprache geben. Überall kommen ja auch diese Riesenprojekte wie Stuttgart 21 ins Schleudern.

Die Afrika-Ausstellung deutet ja schon an, dass Sie internationaler werden wollen.
Die Pinakothek der Moderne präsentiert Kunst, Design und Grafik auf internationalem Niveau. Also wollen wir diesen Anspruch auch an die Architektur stellen, die global vernetzt ist. Und dann haben wir in München ja auch den zweithöchsten Ausländeranteil unter den deutschen Städten. Dem sollten wir auch in Ausstellungen gerecht werden.

Sie waren an verschiedenen Museen, wo haben Sie am meisten gelernt?
Unglaublich viel in Berlin an der Neuen Nationalgalerie. Ich konnte eigenverantwortlich Ausstellungen machen, etwa mit Rem Koolhaas. Und dann am MoMA in New York – nach 14 Jahren im Staatsdienst waren die vier Jahre an einem Privatmuseum das totale Gegenprogramm. Übrigens mitten in der Weltwirtschaftskrise, als viele Museen dort ihre Mitarbeiter entlassen haben. Aber ich wollte vor allem wegen meiner Frau und meiner Kinder nach Deutschland zurück.

Dann kam das Architekturmuseum ja zum richtigen Zeitpunkt.
Das war ja immer meine Traumstelle! Als Student bin ich schon in die Ausstellungen von Winfried Nerdinger gegangen. Ich erinnere mich noch an die Riemerschmid-Ausstellung im Stadtmuseum, da war ich gerade im zweiten Semester. Damals dachte ich: Wie schön wäre es doch, an der Uni zu unterrichten, zu forschen und gleichzeitig ein Museum zu leiten.