"Andrea Chénier" Nationaltheater: Am Schluss geht’s zum Schichtl

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Noch schwingt Jonas Kaufmann als Andrea Chénier die Trikolore. Foto: Wilfried Hösl

Umberto Giordanos Revolutions-Reißer "Andrea Chénier" mit Anja Harteros und Jonas Kaufmann im Nationaltheater verstört nur am (blutigen) Ende.

München - München ist die moderne Hauptstadt der Guillotine. Jedes Jahr wird da bis zum ersten Wochenende im Oktober geköpft. Wer die Hinrichtungsmaschine sieht, denkt weniger an die Französische Revolution, sondern an den Schichtl. Nicht an Grusel, sondern an Gaudi. Und wenn dann auf der Bühne des Nationaltheaters das frisch gewetzte Fallbeil klemmt, holt sich der Regisseur sein verdientes Buh ab.

Philipp Stölzl vermasselte den Schluss seiner sonst gelungenen Inszenierung von "Andrea Chénier". In Umberto Giordanos Oper besteigen Tenor und Sopran nur den Karren zum Schafott, während der Bariton einen Zettel mit Robespierres Nachricht

"Selbst Platon verbannte die Poeten aus seiner Republik" in der Hand hält. Nichts spricht dagegen, stattdessen die Guillotine auf die Bühne zu bringen. Aber wenn der Henker den Wachskopf von Jonas Kaufmann in die Höhe hält, ist das Kasperltheater zu pathetischer Musik.

Bis dahin lief alles gut. Der von seinem Stimmband-Hämatom genesene Jonas Kaufmann begann allzu vorsichtig. "Un di all’azzurro spazio" lässt sich gewiss farbiger, feuriger und strahlender singen. Im Duett mit Maddalena klang der Münchner kurz wie ein Jazz-Sänger mit Whisky in der Stimme. Dann hatte er sich endlich frei gesungen: In der Gerichtsszene triumphierte er mit jenem energischen Kraftgesang, der bei der Titelpartie dieser Oper unerlässlich ist. Und in "Come un bel dì di maggio" und dem Schlussduett kam alles zusammen, was Opern-Ovationen auslöst: Zartheit und Poesie, gesteigert mit Temperament und Enthusiasmus.

Anja Harteros war, wieder einmal, Jonas Kaufmanns ideale Partnerin. Die verträumte, melancholische Weltfremdheit, die alle ihre Figuren auf der Bühne ausstrahlen, steht hier schon im Text: Maddalena leidet unter den Konventionen des Ancien Régimes im ersten Bild. Aber die Revolution bringt für sie keine Befreiung, sondern nur neues Leid.

Zu diesem Traumpaar gesellte sich nicht nur ein bis in kleinste Rollen exzellentes Ensemble, sondern auch der perfekte störende Dritte im Beziehungsdreieck. Luca Salsi hat die richtige Stimme für den rebellierenden Diener und späteren Revolutionsfunktionär Gérard. Ein Bariton mit einer Stimmgewalt, die robuste Sinnlichkeit und Gier ausdrücken kann. Endlich wieder ein italienischer Bariton, der die große Tradition eines Tito Gobbi oder Piero Cappuccilli fortsetzen könnte.

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Der Dirigent Omer Meir Wellber drehte das Bayerische Staatsorchester nicht ganz so brutal auf wie in der vergangenen Spielzeit in "Mefistofele". Die Chorszenen sind angemessen knallig, die Effekte stimmen, die Höhepunkte werden klar gesetzt. Ein Mann mit Sinn für Verismo. "La mamma morta" nehmen er und Anja Harteros sehr langsam: Aber das ist bei dieser psychologischen Schlüsselstelle auch wichtig.

Diese Szene ist, neben dem Schluss, einer der wenigen Fehlgriffe der Inszenierung: Da fährt das Palais zur Seite, und man sieht die von den Revolutionären gemeuchelte Mutter im Nebenzimmer. Gewiss: Ihre Erzählung von der Verwüstung ihres Schlosses durch die Revolution lädt zur Bebilderung ein. Aber der Gesang von Anja Harteros ist eindringlich genug, und diese berühmte Arie muss man nicht unbedingt aufpeppen.

Anderswo passt das besser – wenn etwa Gérard von Menschenliebe faselt, während seine Untergebenen im Keller Chénier foltern. Stölzl inszeniert, was sich Opernregisseure sonst nicht trauen: ein Spektakel über die Französische Revolution mit opulenten historischen Kostümen (Anke Winckler), mit einer starken Dosis von "Les Misérables". Das muss bei dieser Oper auch sein, weil die Historie hier das Liebesleben der Figuren durcheinanderwirbelt.

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Stölzl macht das nicht schamhaft: Er bekennt sich zum intelligenten Historienfilm auf der Opernbühne. Das erste Bild ist etwas zappelig. Aber der Schnitt durch das Schloss mit den im Keller arbeitenden Domestiken und den im Licht wandelnden Aristokraten drückt genau aus, worum es hier geht. Nur die Gräfin (Doris Soffel) will nicht verstehen, dass die letzte Stunde des Ancien Régime geschlagen hat. Sie tanzt Gavotte in den Untergang. Ein wahrhaft gruseliger, grandios aus dem Material des Textbuchs abgeleiteter Augenblick.

Dann fahren die Wände auseinander. Stölzl hat eine Reihe von Schauplätzen hinzuerfunden: Das Duell am Ende des zweiten Bildes spielt in der Kanalisation von Paris. Das ist mit den Augen des Filmregisseurs gesehen und doch echtes, im besten Sinn altmodisches Theater, das immer wieder bekannte Gemälde und Grafiken der Revolutionszeit zitiert (Bühne: Stölzl, Heike Vollmer). Auch die Psychologie stimmt, etwa im ersten Duett, wenn sich die scheue Maddalena von Chénier nicht anfassen lässt.

Der verhaute Schluss war schnell vergessen. Auf das ekstatische Todesduett folgte nicht minder ekstatischer Beifall. Die Aufführung ist die verdiente Rehabilitation eines hierzulande immer etwas von oben herab angesehenen Opernreißers. Natürlich ist "Andrea Chénier" Kolportage. Aber ein gut gemachter Reißer reißt eben mit.


Wieder am 15., 18., 22. und 30. März, 2. April, ausverkauft.

Die Vorstellung vom 18. März ab 19 Uhr als Livestream unter www.staatsoper.de/tv

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