Necat Aygün kickte einst im Fußball-Käfig an der Glockenbachwerkstatt, der nun abgerissen werden soll. Der Löwe protestiert: „Das ist ein Stück Paradies“

München - Als Necat Aygün in den kleinen Käfig tritt, bekommt er sofort große Augen. Hier, auf dem Bolzplatz an der Glockenbachwerkstatt an der Corneliusstraße, ist der Löwen-Profi groß geworden, „hier habe ich mein halbes Leben verbracht. Jeden Tag nach der Schule sind wir hierher gekommen und haben gespielt bis zum Sonnenuntergang.“

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Als der 32 Jahre alte Löwen-Verteidiger jetzt erfuhr, dass der kleine, eingezäunte Bolzplatz für neue Wohnungen geopfert werden soll, sagt er sofort: „Das darf auf keinen Fall passieren. Das ist ein Stück Paradies mitten in München. Das darf nicht verlorengehen.“

Aygün wuchs in den Achtzigern und Anfang der Neunziger Jahre in der Nähe des Sendlinger Tors auf. Ab und an spielten er und seine Kumpels auch mal dort im kleinen Park und nutzten die Bäume als Tore. Doch viel lieber war er im Käfig. „Hier war es viel, viel besser. Hier ging es immer rund. Das war Fußball pur. Leidenschaft pur. Eins gegen eins, zwei gegen zwei oder auch drei gegen drei. Wer gewonnen hat, der durfte bleiben, für den ging’s weiter. Manchmal hat man solange gespielt, bis man völlig am Ende war.“ Die Erschöpfung aber war den Kids egal, Hauptsache Fußball: schießen, passen, dribbeln, jeden Tag, stundenlang. Hier hat Aygün gelernt, mit großen Erfolg, später wurde er Profi. „Viele hatten Talent, aber die meisten haben die Sache mit dem Fußball irgendwann nicht mehr so energisch verfolgt“, sagt er.

Aygün schon. Auch wenn ihm seine Liebe für den bunt besprühten Bolzplatz fast mal zum Verhängnis geworden wäre. Denn während seiner B-Jugend-Zeit bei den Löwen unter dem vor neun Jahren verstorbenen Trainer Michael Magdolen humpelte er mal mit Krücken zum Training, weil er auf dem Glockenbach-Bolzplatz umgeknickt war. „Der Trainer war sauer, aber ein paar Wochen später war ich wieder voll dabei. Dann hat er mir verziehen“, erzählt Aygün, der fest davon überzeugt ist, dass er heute noch von den vielen Stunden in der Jugend profitiert. „Der Boden war schlecht für die Füße, aber gut für die Technik. Wir waren als Kinder wie süchtig nach diesem Platz. Aber wir waren nicht die einzigen.“

Denn da waren ja noch die Basketballer und die Sprayer, die täglich an den Platz zwischen Blumenstraße und Müllerstraße kamen. „Da gab es ziemlich oft Streit, aber wir haben uns dann immer wieder zusammengerauft. Die haben bei uns mitgekickt, wir bei denen mitgezockt, nur sprayen konnte ich nie“, sagt Aygün. Und so reiht er sich ein in die Breite Riege der Kämpfer für den Erhalt des Glockenbach-Bolzplatzes, zu der unter anderem auch Paul Breitner und die Sportfreunde Stiller gehören: „Der Platz darf nicht weg, der ist ein Teil echtes München, das ist Kult und für Kids ein genialer Ort“, sagt Aygün.

So sieht es auch Thomas Filser, Geschäftsführer der Glockenbachwerkstatt, der Aygün an diesem Nachmittag mit einem strahlenden Lächeln empfängt. „Wir sind begeistert, wie wichtig der Bolzplatz den Leuten ist. Und wenn einer das sagt, der später Fußballprofi wurde, dann ist das der beste Beweis.“ Aygün steht daneben, nickt, und meint: „Stimmt, der Platz hier ist ein Teil von mir.“

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