Ob der Untergang der Titanic oder ein Nachruf auf John Lennon – Bob Dylan überrascht auf seinem neuen Album „Tempest“ mit ungewohnten Themen.

Tempest“: 50 Jahre nach seinem Debüt-Album hat Bob Dylan ein neues Werk veröffentlicht. Das (fast) so heißt wie Shakespeares letztes Werk „The Tempest“, „Der Sturm“. Weil Dylan der wahrscheinlich größte lebende amerikanische Popkünstler ist, rumorten im Vorfeld die Verschwörungstheoretiker, dies sei das letzte Album des alten Meisters. Angestachelt von der Meldung, der Titelsong sei eine 14-minütige Ballade über den Untergang der Titanic, schrieb der amerikanische Comedian Tim Heidecker im Vorfeld einen ebensolchen Song im Dylan-Stil.

Jetzt ist „Tempest“ da, produziert hat Dylan als Jack Frost wieder selbst, und ja, man muss über fast 14 Minuten Katastrophenballade reden. Mit der einfachst möglichen Tonika-Dominante-Subdominante-Akkordverbindung läuft das Schiff zur immerwährenden Fiddle von Donnie Herron vom Stapel. Eine Zeugin installiert Dylan, die eine „sad, sad story“ erzählt. Um dann ein gigantisches Panorama, ein Wuselbild der Lords and Ladies zu entwerfen.

In der langen Tradition der Katastrophenballaden

Dass einem heutigen Hörer das Dylansche Erzählunterfangen so merkwürdig erscheint, liegt daran, dass die Titanic für uns unumgänglich sogar in 3D untergeht. Dylans musikalischer Hintergrund ist breiter und führt direkt ins Herz seiner amerikanischen Musikforschung. 1927 nahmen die Cofer Brothers „The Great Ship Went Down“ auf. Nur neun Tage vorher, am 11. März 1927, sang Richard „Rabbit“ Brown in New Orleans „Sinking Of The Titanic“ ins Mikrophon. Bereits kurz nach dem Untergang entstand der Folk-Song „The Great Titanic“, neben anderen aufgenommen von Lead Belly und Woody Guthrie, den Dylan nach eigenem Bekunden in der Version der Carter Family kennt. Hochwasser, Feuersbrünste, selbst der Feuerball der Hindenburg – in den Balladen der Katastrophe tritt der Mensch gesenkten Hauptes seinem Schicksal und manchmal seinem Schöpfer gegenüber.

Vor diesem historischen Hintergrund bekommt der pseudonaive Gestus des Dylan-Songs, der das Schiff formelhaft in „the deep blue sea“ versenkt, wieder einmal die Überaura eines historischen Volksliedes – aus dem Jahre 2012, vor dem die historische Wirklichkeit getrost zurücktreten darf.

Mit dieser Überzeugung kann Dylan als letzte Nummer sogar noch einen draufsetzen: „Roll On John“ ist tatsächlich ein Nachruf auf John Lennon. „I heared the news today, oh boy“, „come together right now over me“ – eingearbeitet in den bedächtigen Fluss des Liedes sind Textzitate von Lennon und den Beatles. Nahezu jeden müsste man für eine solche Anmaßung erwürgen, nicht aber den Mann, der den Beatles am 28. August 1964 im New Yorker Hotel Delmonico eine Audienz gewährte und ihnen bei der Gelegenheit das Kiffen beibrachte.

Die Heiligkeit des Folk gab es nie


Die Schätze des Gestern waren natürlich immer schon Dylans Ziel, aber auch dieses neue Album zeigt, wie weit er sich aus dem eingeschränkten Blick, den das Folk-Revival der 60er auf die Musikgeschichte warf, gelöst hat. „Duquesne Whistle“ startet als erster Song mit der wie absichtslos gespielten Melodie einer Steel Guitar zum Ballroom Swing. Die Heiligkeit des Folk gab es nie. Zwischen Ernst und Entertainment, zwischen Blues, Folk und Jazz ließ sich in den Tanzsälen des alten Amerikas keine Linie ziehen.

Dass sich mit dem Einsatz des Schlagzeuges, das über den Schienenstrang holpert, und der E-Gitarre „Duquesne Whistle“ zielgenau zum Train Shuffle entwickelt, ist im Dylanschen Kosmos ebenfalls logisch. Schließlich hat er über Jahrzehnte einen Blick auf die Musik seines Landes entwickelt, in der selbstverständlich die E-Gitarre neben der Fiddle steht, ohne dass einem der Verdacht käme, man höre etwas anderes als Zeitlosigkeit. Natürlich: Die Tropfen des Banjos in „Scarlet Town“ sind Teil des Nostalgiesoundtracks, der vielleicht aus der eigenen Kindheit herüberweht.

Der Lyriker Dylan aber meidet die Eindeutigkeit, wie die meisten Wesen der Nacht. Und ob am Ende der Zug pfeift oder der Wind durch die leeren Staubstraßen einer Stadt – wenn schert’s, wenn der Sänger hier sowieso die vagen Traumbilder nur als Gleichnis versteht für einen, dem gerade das Herz weggeblasen wird.

Von dieser Stimme darf melancholisch der Putz bröckeln

„Soon After Midnight“ ist als zweite Nummer ein Country-Walzer, und der alte irische Walzer „Midnight On The Water“ ist da so weit nicht. Der Midnight Rambler Dylan hat den Mond in den Augen, und selbst die fast schon parodistische Textformel „A girl named Honey / she took my money“ gerät ihm natürlich elegant.

Überhaupt: Der Walzer darf sich auch in „Long And Wasted Years“ ganz bedächtig drehen. Dylan ist hier Lyrikperformer, dessen Sprachrhythmus mit dem Pokerface des Souveränen auf den Rhythmus der Musik blickt. Wer wagt es, noch zu behaupten, Dylan könne nicht singen? Wenn diese Stimme, die die Patina perfektioniert hat und von der so melancholisch der Putz bröckeln darf – wenn sie sanft wird, glaubt man ihr, dass sie ganz unbewusst mit ihrer Brüchigkeit lockt.

Um jetzt nicht gefühlig zu werden, rockt Dylan mit „Narrow Way“ zum unendlich, wie eine Ölförderpumpe nickenden Slide-Blues-Riff einer E-Gitarre als einsamer Gesetzloser über die Bildfläche. „Early Roman Kings“ ist Heavy Blues zum Akkordeon. Inhaltlich natürlich auch wieder einer dieser Metaspäße in der Bluestradition, wenn Dylan seine römischen Könige mit Fliege, Hut, Haifischhautanzügen auftreten lässt, als wären sie Dandyträume der 20er.

71 ist Bob Dylan jetzt. Aber was soll der frische Alte sonst machen, außer Konzerte spielen und Platten für die Ewigkeit aufnehmen. Rückzugsgerüchte? Für Dylan Kokolores. Shakespeares letztes Stück hieß „The Tempest“, seine Platte nur „Tempest“. „Das sind zwei verschiedene Titel“, diktierte er knapp dem amerikanischen „Rolling Stone“. In einer Welt, 50 Jahre von jetzt, wird es immer noch Menschen geben, die „Tempest“ und seine zehn großen Erzählungen hören. John Lennon, Titanic und ein Sänger zwischen den Geschichten werden ganz selbstverständlich in diesem Fluchtpunkt zusammenfließen, den man Vergangenheit nennt. Roll on.

Bob Dylan: „Tempest“ (Columbia/Sony Music)