Altes Arbeiterviertel Untergiesing SOS-Kinderdorf betätigt sich als Luxussanierer

Gesicht des Widerstands: Maximilian Heisler vom "Bündnis Bezahlbares Wohnen" vor dem Haus an der Hans-Mielich-Straße 1A. Foto: Daniel von Loeper

20 Euro Warmmiete pro Quadratmeter: wie der Verein versucht, Kapital aus einem geerbten Haus zu schlagen, warum die Mieter zittern - und wieso die Stadt nicht reagiert.

München - Man kann sich mit Mietern aus der Hans-Mielich-Straße 1A in der Kneipe um die Ecke treffen. Oder sich mit anderen Mietern aus dem Haus an einem sonnigen Vormittag auf die Bank gleich gegenüber des Hauses setzen. Es sind ganz verschiedene Menschen, die hier leben. Aber sie haben die gleiche Geschichte zu erzählen, die gleichen Vorwürfe an die Stadt zu richten - und: Sie haben Angst um ihr Zuhause.

Ihr Zuhause: Das ist das alte Arbeiterviertel Untergiesing, das in diesen Jahren so sehr sein Gesicht wandelt. Wo Boazn waren, ziehen Architekten-Büros ein. Wo alte Giesinger wohnten, leben jetzt Akademiker-Familien. Mittendrin: die Mieter aus der Hans-Mielich-Straße 1A. Ein eher schmuckloses, altes Eckhaus. Eine alte Vermieterin, so war es bis vor Kurzem, kein Komfort, faire Mieten. So, wie es hier, in Untergiesing, eben immer war. Gleich um die Ecke im gleichen Haus ist traditionell die Metzgerei Wachter, Leberkas-Semmeln, Kaffee-Haferl: beides gefühlt doppelt so groß wie auf der anderen Isar-Seite, im durchsanierten Glockenbachviertel.

Die Mietsteigerung sei "extrem", räumt die Stadt ein.

Doch auch hier, mitten in Untergiesing, wird es für die Alteingesessenen immer enger. Das Haus an der Hans-Mielich-Straße hat einer Dame gehört. Sie war vom alten Schlag Münchner Vermieter. Erhöhte die Mieten nicht, sanierte aber auch nicht. Alle, die noch im Haus wohnen und die man in diesen Tagen in der Kneipe um die Ecke oder auf der Bank gegenüber trifft, fanden das gar nicht schlimm. Sie mögen den bodenständigen Charme. Die Vermieterin aber wollte über ihren Tod hinaus etwas Gutes tun - und vermachte das Haus dem SOS-Kinderdorf.

Einem Vermieter also, der für seine sozialen Wohltaten bekannt ist. Doch SOS-Kinderdorf will Geld verdienen mit dem Haus, seine sozialen Projekte so finanzieren. In einer Wohnungsanzeige von 2016 werden "hochwertige neue Parkett-Dielenböden" angepriesen, eine "exklusive Badausstattung". Insgesamt gehe es hier um eine "top renovierte 4-Zimmer-Wohnung", ein "Schmuckstück zum Verlieben". Eines, das seinen Preis hat. 2.630 Euro Warmmiete wurden damals veranschlagt für 131 Quadratmeter. Rund 20 Euro den Quadratmeter also, plus Heizkosten.

Den Mietern wurde angst und bange. Auch, weil das Haus offenbar edel saniert werden sollte - was auf starke Mieterhöhungen, im schlimmsten Fall Entmietung schließen ließ. Sie wandten sich unter anderem an den Bezirksausschuss Untergiesing-Harlaching (BA) - und an das "Bündnis Bezahlbares Wohnen" um den Untergiesinger Mieteraktivisten Maximilian Heisler.

Der BA nahm sich der Sache an, lud SOS-Kinderdorf in seine Sitzungen ein, der Verein erschien aber nie. Schließlich positionierte sich der BA vor Monaten in einem Antrag "Keine Kooperation mit Luxussanierern!". Die Stadt wurde aufgefordert, die Unterstützung von SOS-Kinderdorf "bis auf Weiteres" einzustellen.

"Für die ist das doch einfach nur eine Geldanlage!"

Die Stadt aber bleibt hart. In einem Schreiben von Sozialreferentin Dorothee Schiwy (SPD), heißt es, das Sozialreferat arbeite "schon seit Jahrzehnten überaus vertrauensvoll und kooperativ" mit den Jugendhilfeträgern von SOS-Kinderdorf zusammen. Außerdem ergäben sich auch bei von der Stadt verwalteten Stiftungen oft ähnliche Situationen, "was die Notwendigkeit von wirtschaftlichem Handeln betrifft". Die Maßnahmen am Gebäude entsprächen "grundsätzlich dem für ein mehrgeschossiges Innenstadthaus allgemein üblichen Standard".

In einem anderen Brief schreibt Schiwy selbst wörtlich von "extremen Mietsteigerungen", verteidigt diese aber. Es gebe nun einmal einen "Rückstau" an Investitionen.

Ein Rückstau? Erst dieser Tage wurde den Mietern in einem Schreiben von SOS-Kinderdorf wieder verdeutlicht, was die vermeintlich dringend notwendigen Sanierungen bedeuteten. Ein Aufzug soll angebaut werden, neue Balkone entstehen. Dafür werden Fenster zugemauert, Wohnungen bekommen neue Grundrisse.

SOS-Kinderdorf verteidigt sein Vorgehen auf AZ-Anfrage. Man habe bisher nur Wohnungen saniert, die die Mieter gekündigt hätten. "Sollten weitere Wohnungen vonseiten der Mieter gekündigt werden, werden die Renovierungen fortgeführt, bis das gesamte Objekt saniert ist." Einige Arbeiten müssten "dringend" vorgenommen werden.

Im jüngsten Schreiben wurde der Anbau der Balkone und des Aufzugs für 2018 angekündigt - und "Modernisierungsumlagen", laut "Bündnis Bezahlbares Wohnen" geht es um Mieterhöhungen bis etwa 300 Euro. Auf die könne man auch verzichten, schreibt SOS-Kinderdorf - aber nur, wenn alle Mieter den Umbauten ausdrücklich zustimmen, also auch dem Zumauern von Fenstern oder neuen Grundrissen. Mieteranwälte sehen solche Angebote kritisch. So können Eigentümer schnell sanieren, ohne dass Mieter Widerspruch einlegen. Spätere Mieterhöhungen: nicht ausgeschlossen.

Heisler hält das Vorgehen für eine Erpressung, um den Widerstand zu brechen. "Das ist wirklich ultrahart von SOS-Kinderdorf", sagt er. "Die Leute in Sippenhaft zu nehmen und zu sagen: Wenn das jetzt nicht funktioniert, dann können sich Familien mit Kindern die Wohnungen nicht mehr leisten!"

SOS-Kinderdorf hingegen betont, Mietanpassungen würden "auch künftig nur und ausschließlich im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben erfolgen".

Seine Kritiker im Viertel kann der Verein damit freilich nicht beruhigen. Der SPD-Politiker Matthias Hügenell hatte den Antrag im BA initiiert, dass die Stadt nicht mehr mit dem Verein zusammenarbeiten solle. "Das ist für mich kein sozialer Verein mehr, das ist ein Wirtschaftsunternehmen", sagt er. "Für die ist das einfach eine Geldanlage!"

Von den betroffenen Mietern wollte keiner mit Name oder Foto in der Zeitung erscheinen. Aus Angst vor noch mehr Ärger mit SOS-Kinderdorf, sagen sie.

Lesen Sie dazu auch den AZ-Kommentar: "Zahn- und mutlos"

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