Acht Tote allein in München Schmerzpflaster: Die neue Horror-Droge

Fentanyl ist ein Medikament und soll eigentlich Schmerzen lindern – viele Süchtige aber berauschen sich damit. Armin Aumüller, Chef des Münchner Drogendezernats: "Fentanyl ist irre gefährlich". Foto: Katharina Alt, ho

Atemnot, Herz- und Kreislaufversagen: Die Polizei warnt vor Fentanyl-Pflastern. Süchtige kochen diese verschreibungspflichtigen Medikamente aus und spritzen sich den Sud. Viele sterben daran

MÜNCHEN/FÜRSTENFELDBRUCK Irgendwas klebt da im Rachen. Der Gerichtsmediziner bückt sich nach vorn, kratzt ein bisschen daran und nimmt eine Probe. Es sind Rückstände eines Pflasters. Der 30-Jährige, der tot vor ihm auf der Obduktionsbank liegt, hatte eines im Mund. Hört sich seltsam an, aber: Er war auf Drogen. Auf Fentanyl. Und er ist nicht der Einzige: In diesem Jahr sind rund um Fürstenfeldbruck fünf Süchtige gestorben. Drei von ihnen hatten Fentanyl im Körper – die tödliche Horror-Droge, die in München und Umgebung immer öfter auftaucht.

Anfang April starb ein 45-Jähriger in Germering. Anfang Mai war es ein 23-Jähriger aus Dachau. Und jetzt der 30-Jährige, wieder in Germering. Der Bosnier verstarb am 7. Juni in seinem Zimmer in der Wohnung seiner Eltern. „So viele – das gab’s in dieser Form noch nie“, sagt Günther Beck vom Polizeipräsidium Oberbayern Nord. Dabei passt es zum traurigen Trend: Die Zahl der Fentanyl-Toten steigt seit Jahren. 2008 starben in Bayern 17 Menschen daran – 2011 waren es 43.

Gleiche Lage in München: 2008 gab es drei Fentanyl-Tote, 2011 gab es bei zwölf toten Süchtigen Verdacht auf Fentanyl – acht davon wurden bestätigt. Für 2012 gibt es noch keine Zahlen. „Mit Sicherheit gibt es noch eine große Dunkelziffer“, sagt der Chef des Münchner Drogendezernats, Armin Aumüller. Der Grund: Die Untersuchung eines Drogentoten auf Fentanyl kostet extra. Sie wird nicht immer angeordnet.

Fentanyl soll eigentlich Menschen helfen. Das 1960 erstmals synthetisch hergestellte, verschreibungspflichtige Medikament ist 80 bis 100 Mal stärker als Morphium – es fällt daher unter das Betäubungsmittelgesetz. Ärzte geben es Patienten mit Krebs oder Knieproblemen. Es wird meist über Pflaster verabreicht. Die Patienten tragen sie zwei, drei Tage, dann werden sie weggeworfen. „Da sind aber noch immer 60 bis 80 Prozent des Wirkstoffs im Pflaster“, sagt Aumüller.

Dieser Müll ist für viele Drogenabhängige ein Heroin-Ersatz.. Aus diesem Grund klettern laut Aumüller vor allem Heroin-Süchtige in die Mülleimer von Krankenhäusern, um die Pflaster herauszufischen. Andere melden sich bei ahnungslosen Urlaubsvertretungen von Ärzten, geben sich als Fentanyl-Patienten aus und lassen sich die Pflaster verschreiben.

Fentanyl-Nutzer haben meist kein Geld für Heroin. Sie gelten deshalb als die „niedrigsten in der Hierarchie der Drogensüchtigen“, sagt Armin Aumüller. „Wer das nimmt, ist ganz unten.“ Sie legen die Pflaster in eine Suppenkelle, gießen siedendes Wasser hinein, kochen das Pflaster aus und spritzen sich den Sud – wie der tote 23-Jährige aus Dachau. „Wir hatten schon welche, die sie gegessen haben“, sagt Günther Beck. Auch der tote Germeringer hatte ein angekautes Pflaster im Magen.

Wer Fentanyl so konsumiert, riskiert den Tod. „Er weiß einfach nicht, wie viel genau er einnimmt“, sagt Aumüller. Pflaster geben es kontrolliert ab – gespritzt wirkt es viel stärker. Aumüller: „Fentanyl wirkt oft zeitverzögert. Da kann es sein, dass man nachlegt.“ Eine Ungeduld, die tödlich enden kann.

Schon kleine Mengen führen zur Atemdepression: Süchtige atmen zu flach, erhalten zu wenig Sauerstoff. Und ersticken. Wie gefährlich der Stoff ist, zeigt auch dieser Fall aus Russland: 2002 setzte die dortige Polizei bei der Geiselnahme des Dubrowka-Theaters in Moskau eine besondere Art von Fentanyl-Gas ein. 127 Menschen starben qualvoll.

 

 

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