Ab Sonntag Neue AZ-Serie: München 1968 - Die große Veränderung

In München war 1968 mächtig was los. Start der neuen AZ-Serie. Foto: imago

Vor 50 Jahren begann eine Revolte, die in München anfangs fast ein wenig heiter begann, was sich aber sehr schnell ändern sollte. Start der neuen AZ-Serie.

München - Das Jahr 1968 – ein Jahr des Aufbruchs und Umbruchs. Fünfzig Jahre nach einer echten Münchner Revolution, der heuer auch noch zu gedenken sein wird. War es wirklich eine Revolution damals, vor nunmehr 50 Jahren? Oder nur eine Art Generalprobe dazu, ein Spiel von Revoluzzern, ein politisches Happening, oder eine Revolte? Die Antwort könnte allein schon an den Folgen bemessen werden – an der großen Veränderung:

Der "Muff von tausend Jahren", den die aufrührerischen Studenten eigentlich nur aus den "Talaren" der Hochschul-Hierarchien hinweg fegen wollten, verschwand tatsächlich aus der Gesellschaft im Ganzen. In vielen ihrer Verästelungen vollzog sich, mehr oder weniger, die eingeforderte Emanzipation. Mehr Demokratie wurde gewagt und wird seither praktiziert in Deutschland.

Die Nazi-Vergangenheit und ihre Einflüsse in der Nachkriegsrepublik wurden zum Thema. Eine andere Generation von Politikern und sonstigen Machern ergriff die Chance eines Neuanfangs, erfolgreich oder auch heute noch verleumdet.

Geschichtsschreibung und Publizistik kennen verschiedene Deutungen. Spätestens jetzt, im Jahr 2018, werden die Ereignisse von 1968 ganz allgemein unter dem Oberbegriff "Revolte" gesehen. Daniel Cohn-Bendit, einer der Anführer, hatte schon 2008 sein Buch mit "Die Revolte" betitelt, während der Altlinke Stefan Mohr damals eine "Rebellion" und Norbert Frei, eine Kapazität für Zeitgeschichte, eine "Jugendrevolte" bilanzierten. Für das anlaufende Jubiläumsjahr kündigen mehrere Verlage ähnliche Titel an: der Beck Verlag die "Gesellschaftsgeschichte einer Revolte" (Christina von Hodenberg), der Unrast Verlag "Lektüre & Revolte" (Gerhart Hanloser).

Fast eine Mischung aus Kalifornien und Schwabing

Bleiben wir also nunmehr dabei: Es war eine Revolte. Und kein Experiment für eine wie immer gemeinte Revolution. Es war eine Revolte, die von vielen für vieles, was seither in Deutschland geschehen ist, verantwortlich gemacht wird. Meist wohl zu Recht. Im Großen und Ganzen werden die Folgen für die demokratische Gesellschaft heute vielleicht sogar noch etwas positiver gesehen als in früheren Jahren. Andererseits konnte auch nicht ausbleiben, dass "die Revolte" von rechts her nach wie vor tief in den Dreck gezogen wird. Das Wort eines populistischen Parteiführers von den "links-rot-grün versifften 68ern" kann aber getrost als Außenseiter-Meinung beiseite gelegt werden.

Die Revolte wurde vielerorts aufgeführt, vorzugsweise in Universitätsstätten Westeuropas. Paris, Berlin und Frankfurt waren die Hauptbühnen. Und München natürlich auch. Hier wurde das Stück ein bisschen anders inszeniert: zunächst fast heiter und chaotischer, ähnlich wie im November 1918, quasi als eine Mischung von Schwabing und Kalifornien. Freilich: in München waren auch die einzigen Toten des Unruhejahres zu beklagen.

Es waren nicht diese 365 Tage allein, die eine Stadt veränderten. Die Revolte hatte ein Vorspiel, über das die Abendzeitung am 28. November 2017 berichtet hat, und sie hatte ein Nachspiel im nicht minder dramatischen Jahr 1969 und der Folgezeit mit ihrer Tendenz zum Terrorismus. Die eigentlichen Folgen kann man noch heute in den Schichten der Gesellschaft erkennen.

Alle Gruppen der Gesellschaft hatten ihren Part

Viele Rollen hatte jenes Stück der Zeitgeschichte. Fast alle wichtigen Gruppen der Gesellschaft hatten ihren Part. Die Hauptrolle spielten die Studenten, die ihr auch den gängigen Namen gaben. Schüler- und Jugendgruppen stellten die Statisten. Politiker und Medien intonierten das Begleitkonzert mit gemischtem Chor. (Die Abendzeitung stand einmal gar im Mittelpunkt eines eher komischen Aktes).

Polizisten agierten als Platzanweiser oder Platzverweiser und kamen oft in die Klemme. Professionelle Theater inszenierten ihre eigenen Begleitstücke. Stars von Pariser und Berliner Bühnen gastierten. Schriftsteller sympathisierten und soufflierten. Kabarettisten konkurrierten mit Polit-Clowns, die sich im Kostümverleih ausstatteten oder in Teufels Gestalt auftraten. Künstler suchten nach neuen Bühnenbildern, Kirchen nach dem geistigen Überbau – frei nach Karl Marx.

Unbeteiligte Zuschauer applaudierten, kritisierten oder ignorierten das oft schwer verständliche Schau-Spiel. Provinzbühnen, zum Beispiel in Bamberg, kopierten es. Auffällig distanziert gegenüber den Hauptakteuren blieben nur die Gewerkschaften; einmal boten sie denen, die eigentlich ihre Bundesgenossen sein wollten, "Prügel aus Arbeiterfaust" an, weil sie sich von ihnen bei der Buchung des Königsplatzes für eine Massenszene ausgetrickst glaubten.

Was für ein Theater! Was für ein Jahr!

Was für ein Theater! Was für ein Jahr! Als Münchner Korrespondent mehrerer deutscher Zeitungen hatte ich, im Alter von 40 Jahren, die einzelnen Akte des großen Dramas hautnah miterlebt und aktuell darüber berichtet, so objektiv wie möglich, doch – zugegeben – mit einer gewissen Sympathie für das Neue, das da anzubrechen schien.

Vierzig Jahre später habe ich einige der damaligen Mitspieler um ihr rückblickendes Urteil zur Aufführung von 1968 gebeten, die meisten sind inzwischen gestorben.

Daraus entstand 2008 ein Buch: "München 68’. Traumstadt in Bewegung." Der Volk Verlag bringt die längst vergriffene Dokumentation jetzt, 50 Jahre nach dem Geschehen, noch einmal in neuem Gewand heraus. Parallel zu einer (oder anschließend an die) Serie in der Abendzeitung, die an diesem Wochenende beginnt.

In neun Folgen sollen die Ereignisse im Zusammenhang mit den einzelnen Münchner Rollenträgern geschildert und bebildert werden.

Lesen Sie am Sonntag: Die APO und die Opas

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