Die Abendzeitung feiert heuer 70. Geburtstag. In einer Jubiläums-Serie erinnert die Münchner Journalisten-Legende Karl Stankiewitz, Jahrgang 1928, an die Anfänge der AZ – die er selbst mitgestaltet hat.

Mehr oder weniger folgten wir jungen Redakteure und Reporter in der frühen Abendzeitung drei Grundprinzipien, die uns Herausgeber Werner Friedmann und amerikanische Lehrmeister beigebracht hatten. Erstens: Fakten, Fakten, Fakten – und diese strikt von der Meinung trennen (was allerdings in der Praxis nicht immer durchzuhalten war und ist). Zweitens: Eine Story möglichst an Personen festmachen (was ich nun auch bei dieser rückblickenden Serie versuchen werde). Drittens: Bad news are good news – schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Und solche Nachrichten gab es im ersten Nachkriegs-Jahrfünft wahrlich mehr, als auf den knappen Zeitungsseiten unterzubringen war.

Schlechte Versorgung mit Lebensmitteln

Die schlechte Nachricht Nummer 1 betraf die immer noch völlig unzureichende Versorgung mit Lebensmitteln. Sie forderte am 6. Mai 1948 – was noch der AZ-Vorgänger Die Tageszeitung groß meldete – nicht weniger als 10.000 Münchner Arbeiter zum Streik heraus. Zwar brachte die Währungsreform am 30. Juni viele schöne Waren, die Schieber und Geschäftsleute schlau gehortet hatten, über Nacht in die Schaufenster, doch für eine richtige Sättigung reichte es noch lange nicht. So konnte die Abendzeitung für die erste Juliwoche dem Normalverbraucher offiziell gerade mal 1.000 Gramm Roggenbrot und 2.500 Gramm Frühkartoffeln in Aussicht stellen, dazu natürlich etwas Milch und Fett.

Razzien auf dem Schwarzmarkt

Nicht hungern mussten – außer Bonzen – jene Mitbürger und Zugewanderten, die sich auf dem Schwarzmarkt bedienten oder diesen selbst organisierten. Das geschah, zentral für halb Mitteleuropa, in der vornehmen Möhlstraße. Razzien waren dort an der Tagesordnung. Die schlecht ausgerüstete Polizei wurde dem illegalen Großhandel kaum Herr.

Der Abendzeitung zufolge vom 1. Juli forderte der Münchner Gewerkschaftsboss Wörner die Rekrutierung einer Abwehrtruppe, die mit Ochsenziemern auszurüsten sei. Am 19. August 1949 musste sich Polizeipräsident Franz Xaver Pitzer, der später selbst einem "Goldhändler" auf den Leim ging, im Stadtrat rechtfertigen, weil seine Blau-Uniformierten wohl etwas zu hart zugepackt hatten

Lederhose von der ersten D-Martk

Ich selbst erwarb von der neuen D-Mark ganz legal am Heiliggeistkircheneck etwas Haltbares: eine kurze, aus ungarischem Pferdeleder geschnittene Hose, während ein AZ-Kollege das "Kopfgeld" für den Kauf eines Fahrrads nutzte, mit dem er durch die großen Korridore des Pressehauses kurvte.

Meine Lederhose trug ich noch viele Jahre, bis sie das Haus der Bayerischen Geschichte für sein in Regensburg entstehendes Museum haben wollte. Dort soll meine angegraute Lederhose ab diesem Jahr in der Abteilung Währungsreform zu sehen sein.

Schneller als die Polizei

Viel Platz nahm in unserem Blättchen die in der Stadt anhaltende Kriminalität ein. Sie wurde von Rudolf Crusius bearbeitet. Weil der Rudi verbotenerweise den Polizeifunk abhörte, konnte er oft gleichzeitig mit den Ermittlern am Tatort sein und hautnah berichten. Am 7. Januar 1949 kam er so schnell zu einer Rauferei beim ersten Nachwährungsreform-Faschingsfest, wo einem Toten noch die abgebrochene Klinge im Halswirbel steckte. Dem Stadtrat lag indes ein CSU-Antrag vor, wonach der Polizeipräsident eine Bürgerwehr aufstellen sollte. Das wiederum veranlasste die Abendzeitung zu einer Meinungsumfrage. Ein Verkäufer sagte: "Ich mein gar nix mehr. Ich hab 15 Jahr was g’meint. Dann war’s falsch. Mir langt’s."

Fast täglich Morde und Selbstmorde

Jeden Tag also Überfälle, Schlägerien, Razzien und Tumulte (zwischen Heimkehrern, Flüchtlingen, Handwerkern, sogar Hausfrauen), fast täglich Morde und Selbstmorde. Derer zwei waren am 23. Mai 1949 zu melden. Hand an sich legten der ehemalige amerikanische Verteidigungsminister Drew Pearson und der in München geborene Autor Klaus Mann, während der Musiker und Autor Hans Pfitzner am selben Tag eines natürlichen Todes starb und – wie viele Prominente – einen Nachruf nicht ohne Antisemitismus-Vorwurf bekam.

Natürlich waren in jener chaotischen Zeit regelmäßig Skandale in die Schreib- und Setzmaschinen zu stanzen. Zum Beispiel: Im Nordbad soll sich Oberbürgermeister Karl Scharnagl nackt vor FDJ-Buben gezeigt haben. In die Schlagzeilen rückten auch politisch motivierte und andere Ermittlungen, Festnahmen und Prozesse.

Urteile gegen Nazis und Mitläufer

Und immer wieder Spruchkammerverfahren gegen frühere Nazi-Größen und deren "Mitläufer"; unter denen war der jetzt nicht mehr so lustige Weiß Ferdl vielleicht der populärste – und der NS-Großdichter Hans Johst einer der vormals bedeutendsten. Unser antifaschistischer Chefredakteur Walter Tschuppik, obwohl mehr an Außenpolitik interessiert, ließ da richtig zupacken.

Politiker-Typen und geworfene Messer

Um die Innenpolitik kümmerte sich der eher betuliche, konservative Rudolf Heizler, der gute Beziehungen zur CSU um den "Ochsensepp" Josef Müller hatte und diese so oft wie möglich nutzte. Immer neue politische, manchmal eher peinliche Parteien tauchten auf, einige brachten es bis in den neuen Bundestag.

Da gab es etwa die Wirtschaftliche Aufbauvereinigung (WAV), deren Gründer als bayerischer "Sonderminister" wegen sonderbarer Umtriebe unter Zurücklassen seiner benutzten Unterhose ins Ausland fliehen musste.

Der Niederbayer Karl Feitenhansl gründete eine "Vaterländische Union" und plante einen Anschlag auf den SPD-Ministerpräsidenten Wilhelm Hoegner. Der Musiker Aloys Andreas Mayer plante eine "Intersoziale" – mit Standarten und Baretten. Eine "Partei der Parteilosen" rottete sich auch zusammen.

Volksaufstand drohte

Wirklich wichtig wurde aber nur die von dem Münchner Kriminaler Ludwig Max Lallinger am 28. Oktober 1946 gegründete Bayernpartei, die es in Bayern und Bonn zu stattlichen Fraktionen brachte. Generalsekretär Dr. Ernst Falkner drohte – laut Abendzeitung – mit einem Volksaufstand nach irischem Vorbild, falls die Abgeordneten des Landes Bayern dem Grundgesetz der Bundesrepublik zustimmen sollten. Da die CSUler dies nicht taten, fand der Bürgerkrieg doch nicht statt.

Vor allem "in der Stadt", also im Lokalen, ging es bisweilen chaotisch zu. Reporter Dieter Stolze veranstaltete, wenn er nicht gerade unter dem Pseudonym "Mercator" die Wirtschaft kommentierte, Wettkämpfe im Messerwerfen auf die Bürotür. (Später wurde er Pressechef der Bundesregierung).

Ressortchef Jochen Slawik maß sich in einer Baracke am Färbergraben mit Kollegen beim Vertilgen möglichst vieler Würste. (Später musste er, der das Wort "Eiserner Vorhang" erfunden haben wollte, die Redaktionsleitung der SZ für Dachau schnell wieder abgeben, weil er den Dachauern, seinen Lesern, mit Berufung auf Ludwig Thoma ein bisserl zu gschert gekommen war).

Die Kultur-Lady: ein Fräulein

Ruhender Pol im Getriebe war Dorothea Federschmidt, die Feuilleton-Chefin. Wie Friedmann und Tschuppik hatte sie schon vor 1933 journalistisch gearbeitet und die Nazis geärgert. Trotz fortgeschrittenen Alters ließ sich unsere Grande Dame stets mit "Fräulein" ansprechen, wie es auch die Schriftstellerin Annette Kolb, ihre gute Bekannte, nach ihrer Heimkehr aus Paris wollte.

Zu Pfingsten schlug sie in der Morgenkonferenz feinsinnig vor: "Wollen wir zum Fest nicht mal was Grünes bringen?" Tschuppik böhmakelte durch seinen Schnauzbart: "Jo, bringen Se mir a Wasserleich."

Als im September 1949 bekannt wurde, dass Richard Strauss in Partenkirchen im Sterben lag, schickte mich Fräulein Federschmidt hin. Eine Nacht oder länger harrte ich vor der Villa des Komponisten, um als erster dessen Tod an unser Kultur-Fräulein telefonieren zu können.

"Die besten Jahre unseres Lebens"

Immerhin konnten wir jüngeren Leute uns von all dem Trubel in der neu geborenen Abendzeitung an späteren Abenden doch mal abnabeln. Die neue Stadt lockte, das neue Geld mit neuen Vergnügungsorten. Zum Beispiel eine Bar namens "Nach 8", vis-à-vis vom Pressehaus im sonst total kaputten Färbergraben. Sie suchte per AZ-Anzeige eine "scharmante Jazz-Sängerin" und entdeckte Ingrid Bergson.

Das „Moulin Rouge“ suchte „Münchens schönsten Mann“. Der bekam einen Gutschein für einen Maßanzug, überreicht von Jurorin Magda Schneider, der Mama von Romy. Entspannung und jede Menge Optimismus boten überdies viel Hollywood-Zelluloid mit Titeln wie „Die besten Jahre unseres Lebens“. Alsdann, alles okay.

Lesen Sie den ersten Teil der Jubiläums-Serie: 70 Jahre AZ - So entstand die Abendzeitung (inkl. Erstausgabe als Download)

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