Der Boom in München und die Krise in Südeuropa lassen München viel stärker wachsen als die städtischen Planer bisher erwartet haben. Jetzt gehen sie 2030 von 1,65 Millionen Einwohnern aus. Es könnten aber auch bis zu 1,77 Millionen werden. Kann unsere Stadt das bewältigen?

München - platzt aus allen Nähten. Unsere Stadt wächst schneller als je zuvor – und viel schneller als die städtischen Planer gedacht haben: Oberbürgermeister Christian Ude hat am Freitag die offiziellen Prognosen nach oben korrigiert: Er rechnet 2030 mit 1,65 Millionen Einwohnern – 150.000 mehr als prognostiziert (AZ berichtete). Und wenn die Krise in den Staaten Südeuropas nicht bald bewältigt wird, könnten es noch viel mehr werden, rechnet das Planungsreferat in Münchens Demografiebericht vor, der erst in der nächsten Woche dem Stadtrat vorgelegt wird.

Was ist, wenn nicht alles nach Plan läuft?

Dabei könnte es noch viel voller werden in Münchens Vierteln – und auch dem trägt die Stadt Rechnung: Neben der sogenannten Planungsprognose entwirft sie noch zwei andere Szenarien: Eins, bei dem von weniger Zuzügen und mehr Wegzügen ausgegangen wird – dann läge die Einwohnerzahl bei gerundeten 1,51 Millionen. Der Anstieg würde also nach 2014 abflachen. Und ein anderes Szenario, bei dem München weiterhin attraktiv für Zugereiste ist und so die Bevölkerungszahl 2030 auf gerundete 1,77 Millionen Menschen steigt (siehe Grafik oben). Dies würde bei einer „Ausweitung der EU-Krise“ eintreten, dann, wenn „eine wirtschaftliche Stabilisierung der Krisenländer nicht so schnell erreicht werden kann“, schreiben die städtischen Experten.

Besorgniserregend: Die jetzige „Bevölkerungsexplosion“ war von den Planern nicht nur nicht vorhergesehen worden. Die realen Zahlen von heute liegen zudem über denen, die die Experten in ihrem letzten Bericht selbst in der „oberen Variante“ für möglich gehalten haben. Wodurch war diese Entwicklung gekennzeichnet, was sind die Konsequenzen daraus – die Schlüsselfakten im AZ-Überblick:

Der Zeitverlauf:

Babys, Beruf, Bulgarien: Das waren die drei Faktoren, die Münchens Bevölkerungszahl nach 25 Jahren Stagnation ab 1999 den Kick nach oben gegeben haben – wobei „Bulgarien“ nur stellvertretend für die Folgen der EU-Osterweiterung steht. Die erste Stufe wurde durch die Babyboomer ausgelöst – jene Generation, die zwischen 1955 und 1965 geboren worden ist. Die wurden ab 1997 zunehmend selbst Eltern und bescherten München einen Geburtenüberschuss. Dann lockten Beruf und Ausbildung immer mehr Menschen aus anderen Bundesländern in die Boomtown München.

Und ab 2004 ließen die EU-Osterweiterung und die damit verbundene schrittweise Freizügigkeit noch mehr Menschen kommen. Ab 2009 kamen „verstärkte Zuzüge nach München aus den südlichen EU-Ländern Griechenland, Italien und Spanien“ hinzu, wie der Bericht vermerkt. Die Gründe: hohe Jugendarbeitslosigkeit, die Wirtschaftskrise in Südeuropa. „Viele Zuwanderer sind hoch motiviert und gut ausgebildet und werden zum Teil von Firmen und Verbänden direkt angeworben“, heißt es im städtischen Papier.

 

Eine Überalterung der Stadtränder ist nicht ausgeschlossen

Die Folgen:

München altert nicht. Wie bisher werden diejenigen, die in der Ausbildung oder im Beruf stehen, das Erscheinungsbild unserer Stadt prägen, „die 25- bis 35-Jährigen dominieren die Bevölkerungsstruktur“. Die Zahl der Über-75-Jährigen wird um bis zu ein Drittel steigen – der Bericht warnt davor, dass eine Überalterung der Stadtränder nicht auszuschließen ist.

Stark ansteigen wird hingegen die Zahl der Kinder: Die Stadt plant mit zwölf Prozent mehr Kindergartenkindern im Jahr 2030 und 17 Prozent mehr Grundschülern. Sollte die Bevölkerung stärker als geplant ansteigen (Variante 1), könnte die Zahl der Kinder sogar bis zu 24 Prozent steigen.

Stadtbaurätin Elisabeth Merk weist in ihrem Vorwort auf den „engen Zusammenhang“ der Bevölkerungsentwicklung mit Themen wie „Wohnen in München“ oder „Ausbauoffensive Kindertageseinrichtungen“ hin. Mögliche Konsequenzen für diese und andere Themen stellt die AZ vor.

Pflege, Kinder, Wohnen: Die Konsequenzen des Booms

Wohnungen:

1,43 Millionen Menschen lebten Ende 2011 in München in gut 750000 Wohnungen. Jeder Münchner hat im Schnitt 37,6 Quadratmeter zur Verfügung – dieser Wert ist im Gegensatz zum restlichen Bundesgebiet eher rückläufig. Die Stadt plant mit 138 000 Neu-Münchnern bis 2020 – allein dies hätte einen Wohnungsbedarf von etwa 75000 Wohnungen zur Folge. Im vergangenen Jahr wurden 6000 neue Wohnungen erstellt – bliebe es bei diesem Tempo, fehlen 2020 etwa 27000 Wohnungen. Steigt die Bevölkerungszahl, wie in Variante 1 vermutet, noch stärker an, werden bis zum Jahr 2030 etwa 70 000 Wohnungen im Stadtgebiet fehlen. Das bedeutet: steigende Preise. Es sei denn, der Stadt gelingt es, das Tempo des Wohnungsbaus zu erhöhen – entweder durch Nachverdichtung oder die Ausweisung neuer Flächen.

MVV:

Das MVV-System steht jetzt bereits schon an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit: Parallel zu den steigenden Bewohnerzahlen im Großraum München eilen nämlich auch die Fahrgastzahlen von Rekord zu Rekord. 645Millionen Fahrten waren es 2011 im Verbund von S-Bahn, U-Bahn-Bus und Tram. 520 Millionen von ihnen wickelte die MVG ab. Der Rest drückt auf die Stammstrecke, die mittlerweile Europas am dichtesten befahrene Eisenbahnstrecke ist – 30Fahrten je Stunde und Richtung in der Rush-Hour. Aber ein Neubau der Stammstrecke ist trotz jahrzentelanger Verhandlungen immer noch nicht in greifbare Nähe gerückt. Auch die U-Bahn kommt an ihre Kapazitätsgrenze – auf der U2 kommt der Zweiminutentakt wohl erst 2013. Und: Wird’s in München voller, wird’s im MVV rappelvoll.

Grün:

München ist die am dichtesten besiedelte Großstadt Deutschlands – mit 4500 Einwohnern pro Quadratkilometern. Bei gleichbleibender Fläche und steigender Bevölkerungszahl wird sich dieser Wert noch erhöhen – dabei liegt er schon jetzt in Schwabing-West oder auf der Schwanthalerhöhe um die 14 000 Einwohner. Ein Indiz für wandelnde Flächennutzung ist, dass die Waldflächen seit 2001 in München zurückgegangen sind – um 76 Hektar auf 1285 Hektar 2011. Das entspricht vier Prozent der Gesamtfläche der Stadt. Zugenommen hat allerdings die Zahl der Grünflächen – um mehr als 300 Hektar auf 13 Prozent des Stadtgebiets. Bisher konnte der Zuwachs an Bevölkerung und Wohnfläche im Großen und Ganzen ohne Vernichtung von grünen Freiflächen bewältigt werden – ein Modell für die Zukunft?

Pflege:

 

Auch wenn die jungen Berufstätigen weiterhin das Stadtbild prägen werden – die Zahl der Über-75-Jährigen wird bis 2030 um 28 bis 34 Prozent zunehmen. Und der Anteil der Pflegebedürftigen an dieser Gruppe könnte noch deutlicher steigen, wie ein gestern veröffentlichter Bericht der Bertelsmann-Stiftung deutlich macht: Demnach wird sich die Zahl der Pflegebedürftigen im Landkreis München verdoppeln. In der Stadt München wird er etwa um 50 Prozent steigen. Zugleich gibt es aber jetzt schon zu wenig Pflegekräfte (und in München zu wenig bezahlbaren Wohnraum für sie). 2030 sollen in ganz Bayern voraussichtlich 68000 Vollzeit-Pflegekräfte fehlen. In München beträgt der Personalmangel laut Bertelsmann-Prognose dann 4200 Stellen, im Landkreis wird er 2400 Stellen betragen.

Kindergärten:

 

 

München baut und plant Kindertagesstätten, Krippen und Horte in großer Zahl – und doch reicht es schon heute nicht: Bis im August 2013 jedes Kind zwischen einem und drei Jahren einen Anspruch auf Betreuung hat, werden in München 4500 neue Plätze entstehen. Nach Prognosen der Stadt müssten es eigentlich 6800 sein, um zumindest in die Nähe einer Bedarfsdeckung zu kommen. Fast 15000 Krippenplätze für 0- bis 3-Jährige hat die Stadt zurzeit. Das ist ein Versorgungsgrad von 36 Prozent, die Stadt geht von einem Bedarf von 60 Prozent aus. Die Stadt und die privaten Träger legen sich ins Zeug – von 2007 bis 2011 hat sich die Zahl der Kita-Kinder unter drei Jahren um 53 Prozent erhöht. Aber: Wenn Variante 1 eintritt, gibt es 2030 etwa 10000 „ungeplante“ Münchner Kindl zwischen 0 und 2 – und die stehen dann ohne Platz da.

Weitzuagroast: Wo kommen die Münchner Zuzügler her?

 

Die Hälfte aller Zuzügler kamen 2011 aus Deutschland, mehr als ein Viertel aus Europa.

So viele Angehörige anderer Nationalitäten wohnen in München:

 

  • Türkei 40582
  • Kroatien 23713
  • Griechenland 22432
  • Italien 21679
  • Östereich 21056
  • Polen 16853
  • Bosnien-Hrzg 15 679
  • Serbien 15 011
  • Rumänien 10 329
  • Irak 10125
  • Frankreich 8143
  • Ungarn 7957
  • Kosovo 7576
  • Bulgarien 7134
  • Russland 6411
  • USA 5966
  • Ukraine 5599
  • Großbritannien 5083